Wenn das Spiel verstummt
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Ombra Celeste Magazin
König und Bauer finden zurück in dieselbe Schachtel. Ein stiller Gedanke über Gleichheit und Vergänglichkeit.
Wenn das Spiel verstummt
Während eines Schachspiels sind die Figuren alles andere als gleich. Der König darf nur einen einzigen Schritt gehen, aber sein Verlust beendet die Partie. Der Bauer bewegt sich meist nur vorwärts, wird oft geopfert, ohne dass jemand lange darüber nachdenkt. Die Dame beherrscht das ganze Brett, die Türme halten die Ecken, die Läufer gleiten diagonal, als gehörten ihnen die Linien allein. Jede Figur trägt ein eigenes Gewicht, eine eigene Bedeutung, die sich aus ihrer Position im Spiel ergibt.
Diese Unterschiede wirken während der Partie fast absolut. Wer eine Dame verliert, spürt den Verlust deutlich anders als beim Verlust eines Bauern, selbst wenn beide auf demselben Feld standen. Das Brett selbst kennt keine Gleichheit, es kennt nur Werte, Reichweiten, Bedrohungen. Diese Ordnung fühlt sich, solange gespielt wird, wie die einzig mögliche Ordnung an.
Am Ende der Partie jedoch löst sich diese Hierarchie auf, und zwar auf eine Weise, die selten bewusst bemerkt wird. Wenn das Spiel vorbei ist, werden alle Figuren gleichermaßen eingesammelt, König und Bauer, Dame und Läufer, ohne Rücksicht auf das, was sie während des Spiels bedeutet hatten. Sie landen in derselben Schachtel, oft sogar im selben Fach, aufeinandergestapelt, ohne dass ihre frühere Bedeutung noch eine Rolle spielt.
Dieser Moment des Aufräumens wirkt unspektakulär, fast beiläufig, und genau das macht ihn interessant. Niemand hält inne, um diesen Übergang zu würdigen, vom bedeutungsvollen Objekt zum bloßen Stück Holz oder Plastik, das gleich neben allen anderen liegt. Der Übergang geschieht in Sekunden, während man vielleicht schon über die nächste Partie oder den restlichen Abend spricht.
Dieses Bild lässt sich schwer übersehen, sobald man einmal bewusst darauf geachtet hat. Es beschreibt etwas, das sich auch außerhalb des Schachbretts wiederfindet, in Situationen, die auf den ersten Blick nichts mit einem Brettspiel zu tun haben. Überall dort, wo Menschen für eine Weile in klar unterschiedenen Rollen auftreten, folgt früher oder später ein Moment, in dem diese Rollen wieder zusammenfallen.
Man merkt das selten in dem Moment selbst, in dem eine Position, ein Titel, eine besondere Aufgabe noch aktiv ist. Erst im Rückblick, wenn eine solche Rolle vorbei ist, zeigt sich, wie viel von ihrer scheinbaren Bedeutung an die jeweilige Situation gebunden war, nicht an die Person, die sie ausgefüllt hatte. Der Mensch bleibt derselbe, während sich das ändert, was um ihn herum als wichtig oder unwichtig galt.
Dieser Gedanke lässt sich leicht falsch verstehen, als würde er die Unterschiede während des Spiels für bedeutungslos erklären. Das ist nicht der Punkt. Die Dame ist während der Partie tatsächlich mächtiger als der Bauer, das Spiel funktioniert nur, weil diese Unterschiede gelten. Der Punkt liegt eher darin, dass diese Bedeutung an eine bestimmte Zeit gebunden ist, an ein bestimmtes Spielfeld, und dass sie danach ihre Gültigkeit verliert, ohne dass das ein Verlust wäre.
Kinder, die gerade Schach lernen, stoßen oft intuitiv auf diesen Gedanken, lange bevor sie ihn in Worte fassen könnten. Manche fragen nach der ersten verlorenen Partie, warum der mächtige König am Ende genauso weggeräumt wird wie der unwichtigste Bauer, als wäre das eine kleine Ungerechtigkeit, die korrigiert werden müsste. Erwachsene stellen diese Frage seltener, vermutlich weil sie sich längst an das Aufräumen gewöhnt haben, ohne dem stillen Vorgang dahinter noch besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Genau in diesem Zusammenspiel aus zeitweiliger Bedeutung und endgültiger Gleichheit liegt vermutlich die eigentliche Ruhe, die dieses Bild ausstrahlt. Es verlangt nicht, dass man während des Spiels auf seine Rolle verzichtet, sondern erinnert nur daran, dass diese Rolle am Ende nicht das Letzte ist, was zählt.
Interessant ist, dass sich dieses Bild kulturübergreifend in ähnlicher Form findet, obwohl Schach selbst nur eine von vielen möglichen Illustrationen dafür ist. Kartenspiele kennen dasselbe Prinzip, ebenso Brettspiele mit Figuren unterschiedlichen Rangs. Immer wieder taucht dieselbe Struktur auf, eine geordnete Hierarchie während des Spiels, gefolgt von einem Moment, in dem diese Hierarchie zusammenbricht und alle Teile gleichermaßen verstaut werden. Vermutlich liegt genau darin ein Grund, warum solche Spiele über Jahrhunderte hinweg beliebt geblieben sind, sie üben nebenbei etwas ein, das sich schwer in Worte fassen lässt, aber leicht erfahren.
Ein Abend mit einem alten Holzschachspiel
Ich erinnere mich an einen Winterabend, an dem ich mit einem Nachbarn eine Partie Schach spielte, auf einem alten Holzbrett, das ihm einmal sein Großvater geschenkt hatte. Die Figuren waren nicht mehr ganz einheitlich, eine der Türme war leicht angeschlagen, ein Bauer trug einen dunkleren Farbton als die übrigen, offenbar ein Ersatz aus einem anderen Set, das irgendwann verlorengegangen war. Wir spielten lange, ohne auf die Uhr zu schauen, während draußen der erste Schnee des Winters fiel.
Die Partie war eng, mit mehreren Wendungen, bei denen ich meine Dame beinahe verloren hätte, während mein Nachbar geduldig seine Bauern vorrückte, einen nach dem anderen, bis sich am Ende eine Konstellation ergab, die für ihn günstiger war. Am Ende gewann er, mit einem einfachen Bauern, der bis zur letzten Reihe vorgedrungen war und sich in eine neue Dame verwandelte, ausgerechnet die unscheinbarste Figur, die die Partie entschied.
Danach begannen wir, gemeinsam die Figuren einzusammeln. Mein Nachbar nahm die geschlagene Dame, die kurz zuvor noch das mächtigste Stück auf dem Brett gewesen war, und legte sie ohne besondere Sorgfalt in dieselbe kleine Fachunterteilung, in der bereits mehrere Bauern lagen. Ich bemerkte, wie seltsam mir das in diesem Moment vorkam, diese mächtige Figur, die eben noch das ganze Spiel bestimmt hatte, lag jetzt einfach zwischen den unbedeutendsten Steinen, ohne dass irgendjemand das als unpassend empfunden hätte.
Ich fragte ihn beiläufig, ob ihn das nicht störe, König und Bauer einfach so nebeneinander wegzupacken, und er lachte kurz, bevor er antwortete, dass ihm genau das an diesem alten Spiel gefalle. Er erzählte, dass sein Großvater immer gesagt habe, das Spiel bringe einem bei, dass jede Figur ihre Zeit habe, und dass am Ende doch alle im selben Kasten landen, egal wie das Spiel ausgegangen sei.
Er fügte noch hinzu, dass sein Großvater diesen Satz nie feierlich gesagt habe, eher beiläufig, während er selbst die Figuren einsammelte, so wie man eine Nebenbemerkung macht, ohne ihr besonderes Gewicht zu geben. Vielleicht lag gerade darin die eigentliche Lehre, dass dieser Gedanke am besten dort funktioniert, wo er nicht als große Weisheit auftritt, sondern einfach zur gewohnten Bewegung des Aufräumens gehört.
Diese Bemerkung blieb mir länger im Kopf als die Partie selbst. Ich hatte das Spiel oft gespielt, ohne je bewusst auf diesen letzten Moment zu achten, das gemeinsame Verschwinden aller Figuren in derselben Schachtel. Es war ein Detail, das ich vermutlich hundertmal übersehen hatte, weil die Aufmerksamkeit während des Spiels immer auf die nächste Bewegung gerichtet war, nie auf das, was danach kommt.
In den folgenden Wochen fiel mir dieses Bild öfter ein, an Stellen, die auf den ersten Blick nichts mit Schach zu tun hatten. Ein Kollege, der eine wichtige Position innehatte, sprach in einer Besprechung mit spürbarem Gewicht, wurde ernst genommen, bekam Raum. Am Abend, beim gemeinsamen Verlassen des Gebäudes, war er einfach ein Mensch mit einer Tasche über der Schulter, der auf denselben Bus wartete wie alle anderen.
Dieser Wechsel geschieht so alltäglich, dass er kaum auffällt, es sei denn, man hat vorher bewusst über das Schachbrett und seine Schachtel nachgedacht. Sobald man diesen Wechsel einmal bemerkt hat, zeigt er sich überraschend häufig, in Besprechungen, die enden, in Uniformen, die abends abgelegt werden, in Titeln, die außerhalb bestimmter Räume ihre Wirkung verlieren.
Ein weiteres Detail von diesem Abend blieb mir noch im Gedächtnis, die kleine Papierschachtel selbst, längst vergilbt, mit handschriftlicher Beschriftung auf dem Deckel, offenbar vom Großvater selbst angebracht, mit einer Jahreszahl, die Jahrzehnte zurücklag. Diese Schachtel hatte selbst schon unzählige solcher Abschlüsse erlebt, hunderte Male König und Bauer gemeinsam aufgenommen, ohne dass ihr das im Geringsten anzumerken war. Sie funktionierte einfach weiter, gleichgültig gegenüber dem Ausgang jeder einzelnen Partie, die sie im Laufe der Jahre verwahrt hatte.
Was sich verändert, wenn man dieses Bild öfter bemerkt
Wer diesen Gedanken einmal bewusst wahrgenommen hat, beginnt oft, ihn auch in anderen Zusammenhängen wiederzuerkennen. Es beginnt meist damit, dass man den eigenen Titel oder die eigene Rolle etwas lockerer trägt, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus dem Wissen, dass diese Rolle an einen bestimmten Rahmen gebunden ist, der sich irgendwann auflöst, ohne dass die Person selbst dadurch kleiner würde.
Auch das Verhältnis zu Konkurrenz verändert sich in diesem Zusammenhang. Während einer Partie, eines Projekts, eines Wettbewerbs bleibt der Ehrgeiz bestehen, das Spiel funktioniert nur, wenn man es ernst nimmt. Aber das Wissen um die gemeinsame Schachtel am Ende nimmt diesem Ehrgeiz eine gewisse Härte, die sich sonst leicht einschleicht, wenn man einen Sieg oder eine Position mit dem eigenen Wert verwechselt.
Diese mildere Form von Ehrgeiz zeigt sich oft erst im Umgang mit anderen, weniger im eigenen Antrieb selbst. Wer nicht mehr glaubt, im Sieg vollständig aufzugehen, kann eine Niederlage des Gegenübers auch leichter würdigen, ohne daraus einen eigenen Triumph zu machen. Das verändert nicht die Spielregeln, aber die Atmosphäre, in der gespielt wird, spürbar.
Bemerkenswert ist auch, wie sich der Blick auf andere Menschen verändert, deren Rolle gerade höher oder niedriger erscheint als die eigene. Wer das Bild von König und Bauer in derselben Schachtel im Kopf behält, begegnet einer mächtigen Position mit weniger Ehrfurcht und einer bescheidenen Position mit weniger Geringschätzung, weil beide letztlich demselben Ende zustreben, unabhängig davon, wie unterschiedlich sie sich unterwegs anfühlen.
Diese Beobachtung lässt sich auch mit dem verbinden, was in Die Kunst des Bei-sich-Seins beschrieben wird, dass echte Ruhe selten aus einer bestimmten Position entsteht, sondern aus der Übereinstimmung mit dem, was man tatsächlich ist, unabhängig davon, welche Rolle gerade um einen herum gilt. Das Bild der Schachtel liefert dafür eine sehr konkrete, fast greifbare Erinnerung.
Auch das eigene Verhältnis zu Verlust verändert sich mit der Zeit. Eine geschlagene Figur, ein verlorenes Spiel, eine beendete Aufgabe fühlen sich zunächst wie ein Einschnitt an, solange man mitten im Spiel steckt. Wer aber das Bild vom gemeinsamen Aufräumen kennt, erinnert sich leichter daran, dass auch der Sieg am Ende in derselben Schachtel landet wie die Niederlage, was den Verlust nicht kleiner macht, aber seine Schärfe etwas nimmt.
Auch im Umgang mit Ritualen zeigt sich diese Verschiebung. Wer abends bewusst eine einzelne Kerze anzündet, tut das oft aus einem ähnlichen Impuls heraus wie das Aufräumen der Schachfiguren, nicht um etwas zu erreichen, sondern um einen Tag anzuerkennen, bevor er endgültig zu Ende geht, unabhängig davon, ob er als guter oder schlechter Tag gelten würde. Diese Beobachtung findet sich auch in Wenn der Abend nach dir klingt wieder, dass ein Übergang nicht durch eine Bewertung entsteht, sondern durch eine bewusst gesetzte Handlung, die dem Tag ein Ende gibt.
Auch schwierige Phasen gehören zu dieser Betrachtung dazu, ohne dass man sie schönreden müsste. Es gibt Zeiten, in denen die eigene Rolle sich besonders schwer anfühlt, eine Verantwortung, die drückt, ein Titel, der mehr verlangt, als er zurückgibt. Das Bild der Schachtel nimmt diese Schwere nicht weg, aber es erinnert daran, dass auch diese Phase einen zeitlichen Rahmen hat, der sich irgendwann schließt.
Was am Ende eines Lebensabschnitts Substanz gibt, entsteht selten aus der reinen Höhe einer Position, sondern eher aus der Art, wie diese Position ausgefüllt wurde, während sie galt. Diese Beobachtung lässt sich auch mit dem verbinden, was auf der Seite Zustände versammelt ist, Momente, die sich weniger durch das auszeichnen, was in ihnen erreicht wurde, als durch die Art, wie sie sich anfühlten, während sie andauerten.
Auch die Sprache verändert sich manchmal ein wenig, sobald dieses Bild vertrauter wird. Wo früher von "Erfolg" oder "Niederlage" die Rede war, wie bei einer Schachpartie selbst, rückt zunehmend die Frage in den Vordergrund, wie eine bestimmte Zeit gestaltet wurde, unabhängig vom Ergebnis, mit dem sie endete. Ein verlorenes Spiel, gut gespielt, wiegt in dieser Betrachtung mehr als ein gewonnenes, das nur aus Zufall gelang, weil der Gegner einen Fehler machte.
Was nicht in die Schachtel zurückkehrt
Nicht alles folgt diesem Muster der Gleichheit am Ende. Es gibt auch Dinge, die bewusst aus dem gewöhnlichen Kreislauf herausgenommen werden, damit sie eben nicht in derselben Schachtel landen wie alles andere. Ein Pokal wandert ins Regal statt in eine Kiste. Eine Medaille bekommt einen Rahmen an der Wand. Manche Menschen bewahren die Visitenkarte einer früheren Position auf, obwohl der Titel längst nicht mehr gilt, als könnte das Stück Papier etwas festhalten, das eigentlich schon vorbei ist.
Dieser Gegensatz ist aufschlussreich, gerade weil er zeigt, wie viel Mühe manchmal darauf verwendet wird, dem eigentlichen Ende zu entkommen. Ein Pokal im Regal wird sorgfältig abgestaubt, während die übrigen Erinnerungsstücke eines Wettkampfs, die Startnummer, das Programm, längst im Müll gelandet sind. Es ist, als würde man versuchen, wenigstens ein einzelnes Objekt aus dem allgemeinen Zurückkehren in die Gleichheit auszunehmen, damit es stellvertretend für den Rang weiterlebt, den man selbst irgendwann wieder ablegen muss.
Ich kenne das von einem Onkel, der jahrzehntelang eine erfolgreiche kleine Firma geführt hatte und nach der Übergabe an seinen Nachfolger sein altes Namensschild vom Bürotisch mitnahm, obwohl es für ihn keinerlei praktischen Nutzen mehr hatte. Es lag danach jahrelang in einer Schublade zu Hause, nie ausgestellt, aber auch nie weggeworfen. Als ich ihn einmal danach fragte, sagte er nur, dass es ihm schwerfalle, es zu entsorgen, obwohl er selbst zugab, dass es im Grunde nur ein Stück bedrucktes Plastik sei.
Dieses Festhalten ist verständlich und zugleich ein wenig vergeblich. Das Schild verändert nichts daran, dass die Rolle vorbei ist, es verzögert nur den Moment, in dem man das für sich selbst anerkennt. Vielleicht liegt gerade darin der Unterschied zwischen den Schachfiguren und solchen aufbewahrten Objekten: Die Figuren wehren sich nicht gegen ihre Rückkehr in die Schachtel, sie haben keine Wahl und auch kein Bedürfnis, sich zu wehren. Menschen dagegen können sich aktiv gegen diesen Übergang stellen, mit Regalen, Rahmen, aufbewahrten Namensschildern.
Das muss nicht grundsätzlich falsch sein. Ein Pokal im Regal kann eine schöne Erinnerung sein, ohne dass er die Rolle künstlich am Leben erhält. Schwierig wird es eher dort, wo das aufbewahrte Objekt beginnt, die eigentliche Person zu ersetzen, wo die Erinnerung an eine frühere Bedeutung wichtiger wird als das, was jemand gerade jetzt ist. Genau an dieser Stelle hilft das Bild der Schachtel wieder, nicht um dem Regal oder dem Rahmen ihren Platz abzusprechen, sondern um daran zu erinnern, dass auch diese Objekte am Ende nur Dinge sind, die eine Zeit lang eine Rolle stellvertretend festgehalten haben.
Was am Ende bleibt, wenn die Figuren wieder gleich sind
Am Ende lässt sich das hier Beschriebene kaum als feste Lehre zusammenfassen, die man einmal verstanden hat und danach abhaken könnte. Es gibt keine Anleitung, die garantiert, dass man die eigene Rolle im richtigen Maß ernst nimmt, ohne sich von ihr vereinnahmen zu lassen, und jeder Versuch, daraus eine feste Regel zu machen, würde vermutlich genau das zerstören, was an diesem Bild funktioniert, die stille Erinnerung, die im Hintergrund bleibt, ohne ständig abgerufen werden zu müssen.
Was bleibt, ist eher eine Art innerer Vorrat an diesem einen Bild, König und Bauer, die am Ende gemeinsam in derselben Schachtel liegen, das sich immer wieder von selbst meldet, wenn eine Situation zu viel Gewicht auf eine bestimmte Rolle legt. Ein Schachbrett, ein Titel, eine Position, all das sind austauschbare Kulissen für dasselbe Prinzip, dass Bedeutung an eine Zeit gebunden ist und danach in etwas Gemeinsameres übergeht.
Auffällig ist dabei, dass dieses Bild selten in großen, dramatischen Momenten auftaucht, sondern eher in kleinen, beiläufigen, beim Aufräumen eines Spiels, beim Verlassen eines Büros am Abend, beim Ablegen einer Aufgabe, die den ganzen Tag über wichtig erschien. Gerade diese Beiläufigkeit macht das Bild so tragfähig, es muss nicht beschworen werden, es zeigt sich einfach, sobald man einmal gelernt hat, darauf zu achten.
Mein Nachbar mit dem alten Holzschachspiel lädt inzwischen gelegentlich wieder zu einer Partie ein, meist an ähnlich ruhigen Abenden, an denen draußen wieder Schnee oder Regen fällt. Jedes Mal, wenn wir am Ende die Figuren einsammeln, denke ich kurz an seinen Satz über den Großvater, auch wenn wir beide inzwischen kein Wort mehr darüber verlieren. Das Bild selbst reicht inzwischen aus, es braucht keine erneute Erklärung mehr.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert eines solchen Bildes, dass es sich nicht abnutzt, obwohl es so einfach ist. König und Bauer landen jedes Mal wieder in derselben Schachtel, bei jeder Partie, ohne Ausnahme, und trotzdem verliert dieser Moment nichts von seiner leisen Wirkung, wenn man ihm einmal wirklich zugesehen hat, statt ihn wie sonst im Vorbeigehen zu übersehen.
Wer damit beginnen möchte, muss weder Schach spielen noch sich ein altes Holzspiel besorgen. Es reicht, beim nächsten Moment, in dem eine bestimmte Rolle, ein bestimmter Titel gerade besonders viel Gewicht zu haben scheint, sich kurz das Bild der Schachtel vorzustellen, in die am Ende alles zurückkehrt, unabhängig davon, wie bedeutsam es sich unterwegs angefühlt hat. Das verändert nicht die Rolle selbst, aber vielleicht die Art, wie fest man sie umklammert.
Am Ende bleibt kein Nachweis, den man vorzeigen könnte. Es bleibt ein leises Wissen, dass eine Rolle, ein Titel, eine Position nie das Letzte ist, was über einen Menschen aussagt, und dass gerade der unscheinbare Moment des Aufräumens, wenn alle Figuren wieder gleich werden, mehr Ruhe enthält, als ihm im Augenblick zugetraut wird.
Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum das Bild von König und Bauer in derselben Schachtel so hartnäckig im Gedächtnis bleibt, obwohl es so schlicht ist. Es verspricht nichts, es erklärt nichts, es zeigt einfach, wie ein Spiel endet, jedes einzige Mal auf dieselbe Weise, und genau diese Verlässlichkeit macht es zu einem stillen Anker, auf den man sich verlassen kann, wenn eine Rolle gerade zu schwer auf einem lastet.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.