Bleiben
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Ombra Celeste Magazin
Der Tag hat nichts mehr vor. Und genau darin entsteht Raum.
Der Moment des Stehenbleibens
Eigentlich war der Spaziergang schon fast zu Ende, der letzte Abschnitt vor der Haustür, den man normalerweise ohne nachzudenken zurücklegt. Aber an der niedrigen Mauer, die den kleinen Kanal am Rand der Siedlung begrenzt, blieben die Schritte einfach stehen. Kein bewusster Entschluss, eher ein Nachlassen des Weitergehens, so beiläufig, dass es im Moment selbst gar nicht auffiel. Der restliche Weg vorher war wie an jedem anderen Abend verlaufen, am Bäcker vorbei, der schon geschlossen hatte, am kleinen Spielplatz, auf dem noch zwei Kinder auf der Schaukel saßen, während ihre Eltern auf einer Bank in der Nähe warteten.
Die Mauer ist nicht besonders bequem, kniehoch, kalter Beton, an manchen Stellen bemoost, an anderen leicht rissig, wo im Winter Wasser eingedrungen war und die Oberfläche gesprengt hat. Trotzdem setzt sich jemand darauf, die Einkaufstüte neben sich abgestellt, ein Baguette ragt oben heraus, längst nicht mehr ganz warm. Der Grund für das Sitzenbleiben lässt sich im Nachhinein kaum benennen. Es gab keinen, außer vielleicht, dass die Abendsonne genau in diesem Winkel auf das Wasser fiel, in einem satten, fast bernsteinfarbenen Ton, der sich mit jeder Minute ein wenig verschob.
Ein Entenpaar zieht knapp am Ufer entlang, ohne Eile, ohne erkennbares Ziel, dreht kurz ab, kommt zurück. Das Wasser selbst bewegt sich kaum, nur an der Stelle, wo ein Rohr aus der Böschung ragt, tropft es gleichmäßig nach, ein leises Klatschen, das erst nach einer Weile überhaupt bewusst wahrgenommen wird. Auf der anderen Kanalseite hängt Wäsche an einer Leine zwischen zwei Balkonen, ein Bettlaken, das sich kaum bewegt, weil der Wind zu schwach dafür ist, ein Anblick, der schon die ganze Zeit über im Blickfeld war, ohne vorher bemerkt worden zu sein.
Zwei Häuser weiter wird ein Fenster geöffnet, jemand klopft einen Teppich aus, kurz, dreimal, dann ist es wieder still. Ein Radfahrer kommt vorbei, grüßt nicht, ist auch nicht unhöflich, einfach beschäftigt mit dem eigenen Weg nach Hause. Die Einkaufstüte auf der Mauer beginnt langsam zu kippen, wird gerade noch rechtzeitig aufgefangen, ohne dass die Person, der sie gehört, dabei aufsteht. Ein Kind auf einem Fahrrad mit Stützrädern übt ein Stück weiter das Bremsen, immer wieder dieselbe kurze Strecke, jedes Mal ein quietschendes Geräusch, fast wie ein Metronom, das die Minuten grob einteilt, ohne sie tatsächlich zu zählen.
Es ist nicht kalt genug, um eine Jacke zu vermissen, und noch nicht spät genug, dass zu Hause etwas Dringendes wartet. Genau in dieser schmalen Lücke zwischen beidem liegt der Grund, warum das Sitzenbleiben plötzlich keinen Widerstand mehr findet. Niemand hat vor, hier lange zu bleiben. Und doch vergeht eine Minute, dann eine zweite, ohne dass sich daran etwas ändert, ohne dass ein innerer Alarm ausgelöst würde, der zum Aufstehen mahnt.
Ein Jogger läuft vorbei, sein Atem hörbar, sein Blick starr geradeaus gerichtet. Für ihn ist die Mauer nur ein Objekt am Wegesrand, für die Person, die darauf sitzt, ist sie in diesem Moment der einzige Platz, an dem sie sein möchte. Beide Wahrnehmungen widersprechen sich nicht, sie existieren einfach nebeneinander, an derselben Stelle, zur selben Zeit, ohne dass der eine vom anderen überhaupt wüsste.
Auf der gegenüberliegenden Kanalseite sitzt, wie sich erst jetzt zeigt, noch eine zweite Person auf einer ganz ähnlichen Mauer, vielleicht dreißig Meter entfernt, eine Zeitung auf den Knien, die längst nicht mehr gelesen wird. Keine der beiden Personen hat die andere bisher bemerkt. Beide schauen aufs Wasser, nicht zueinander, zwei parallele, unverbundene Formen desselben stillen Vorgangs, die sich zufällig zur gleichen Zeit am selben Ort ereignen.
Der Himmel über den Dächern beginnt, seine Farbe zu wechseln, von einem hellen, fast weißlichen Blau zu einem tieferen Ton, der sich zuerst an den Rändern zeigt, dort, wo die Sonne bereits hinter die Häuserzeile gesunken ist. Niemand kommentiert diesen Wechsel, er geschieht einfach, langsam genug, dass er sich erst im Rückblick als Veränderung erkennen lässt.
Weiter oben, an einer der Dachrinnen, hat sich ein Spatz niedergelassen, putzt sich ausgiebig das Gefieder, unbeeindruckt von den Menschen unten am Kanal. Zwei weitere Spatzen gesellen sich dazu, ein kurzes Gedränge um die beste Stelle auf der schmalen Rinne, dann Ruhe, alle drei sitzen nebeneinander, als hätten sie sich auf eine Ordnung geeinigt, die von außen nicht nachvollziehbar ist.
Was sich verändert, während man bleibt
Nach einigen Minuten auf der Mauer verändert sich etwas an der Art, wie die Umgebung wahrgenommen wird, ohne dass sich an der Umgebung selbst etwas ändert. Das Entenpaar ist inzwischen weitergezogen, aber ein drittes, kleineres Tier, vermutlich ein Blässhuhn, hat seinen Platz eingenommen, taucht immer wieder kurz unter, kommt mit nassen Federn wieder hoch, schüttelt sich kurz und setzt seine Runde fort, als hätte es einen festen Kurs, den es jeden Abend abfährt.
"Warten Sie auf jemanden?", fragt eine ältere Frau, die mit ihrem Hund vorbeikommt und offenbar neugierig geworden ist, warum jemand einfach so auf einer Mauer sitzt. "Nein, eigentlich nicht", lautet die Antwort, mehr überrascht über die eigene Antwort als über die Frage selbst. Die Frau nickt, als würde das reichen, geht mit ihrem Hund weiter, ohne weiter nachzuhaken, während der Hund noch kurz in Richtung der Einkaufstüte schnuppert, bevor er weitergezogen wird.
Dieser kurze Wortwechsel verändert nichts an der Situation, aber er markiert sie plötzlich als das, was sie ist: ein Bleiben ohne Grund, das von außen betrachtet erklärungsbedürftig wirkt, obwohl es sich von innen völlig selbstverständlich anfühlt. Nach dem Gespräch dauert es einen Moment, bis sich die vorherige Unaufmerksamkeit wieder einstellt, bis der Blick wieder ins Wasser gleiten kann, ohne dass die Frage der Frau noch nachhallt.
Das Licht auf dem Wasser hat sich inzwischen verändert, tiefer geworden, oranger an den Rändern der kleinen Wellen, die das Blässhuhn hinterlässt. Ein Kirchturm irgendwo hinter den Dächern schlägt die halbe Stunde, ein einzelner, dumpfer Ton, der über das Wasser trägt und dann nichts weiter auslöst. Niemand steht deswegen auf, niemand zählt die Schläge mit, obwohl jeder von ihnen deutlich genug ist, um gehört zu werden.
Ein Junge, vielleicht zehn Jahre alt, bleibt kurz stehen, mustert die umgekippte Tüte und das quer liegende Baguette mit unverhohlener Neugier. "Ist das Ihr Brot?", fragt er, ohne Umschweife. "Ja", kommt die Antwort, "aber es ist schon nicht mehr besonders frisch." Der Junge nickt ernst, als hätte er eine wichtige Information erhalten, und läuft weiter, seinem offensichtlich wartenden Hund hinterher, der ein Stück voraus an der Leine gezogen hat, ungeduldig, den Blick schon auf den nächsten Baum gerichtet.
Die Einkaufstüte ist inzwischen umgekippt, das Baguette liegt quer auf der Mauer, niemand richtet es gerade. Ein kleiner Windstoß bringt den Geruch von jemandes Abendessen herüber, gebratene Zwiebeln vermutlich, aus einem der Fenster, die vorhin geöffnet wurden. Auch dieser Geruch wird registriert, ohne dass er zu einer Handlung führt, etwa aufzustehen und selbst nach Hause zu gehen, um zu kochen, obwohl der Magen durchaus meldet, dass es Zeit dafür wäre.
Weiter unten am Kanal, dort wo eine kleine Brücke die beiden Uferseiten verbindet, bleibt kurz ein anderer Passant stehen, lehnt sich über das Geländer, schaut ins Wasser, geht nach einer halben Minute weiter. Eine zweite Person, die dasselbe tut, wenige Meter entfernt, ohne dass beide voneinander Notiz nähmen, als würde diese Geste des kurzen Innehaltens an diesem Kanal einfach zu jedem gehören, der hier entlanggeht, unabhängig davon, ob er es selbst bemerkt.
Eine bestimmte Mauer im Kopf
Ich kenne eine ganz ähnliche Mauer, allerdings an einem Kanal in Elmshorn, keine hundert Meter von der Stelle entfernt, an der ich früher fast täglich vorbeigegangen bin. Ich habe dort selten länger als fünf Minuten gesessen, aber diese fünf Minuten habe ich in den vergangenen Jahren öfter wiederholt, als ich hätte sagen können, warum genau diese Stelle und keine andere entlang desselben Wegs, obwohl der Weg selbst mehrere ganz ähnliche Mauern und Kanten zu bieten gehabt hätte.
Einmal, an einem Augustabend, der dem hier beschriebenen ziemlich ähnlich war, bin ich dort sitzen geblieben, bis es fast dunkel wurde, ohne dass ich mich später an einen einzigen Gedanken hätte erinnern können, der mich in dieser Zeit beschäftigt hätte. Ich weiß nur noch, dass irgendwann die Straßenlaterne über mir ansprang, mit diesem charakteristischen orangen Aufflackern, bevor sie ihre volle Helligkeit erreichte, und dass mich genau dieses Aufflackern schließlich zum Aufstehen bewegt hat, nicht ein Gedanke, nicht eine Uhrzeit, nicht ein Blick aufs Handy.
Diese Mauer existiert weiterhin, ich fahre inzwischen selten genug daran vorbei, aber wenn ich es tue, bleibt der Blick automatisch dort hängen, ohne dass ich anhalten würde. Es ist, als hätte sich diese eine Stelle irgendwo festgesetzt, unabhängig davon, ob ich sie noch brauche, ein kleiner, fester Punkt in der eigenen Erinnerung, der sich nicht auflöst, auch wenn ich ihn Monate oder Jahre nicht mehr besucht habe.
Manchmal frage ich mich, ob es tatsächlich die Mauer war oder eher die Wiederholung selbst, die diesen Ort so vertraut gemacht hat. Vermutlich beides zugleich, das eine ohne das andere hätte sich vermutlich nie so eingeprägt. Andere Stellen entlang desselben Wegs, objektiv genauso geeignet zum Sitzen, habe ich nie ein zweites Mal aufgesucht, ohne dass ich dafür einen Grund benennen könnte, außer vielleicht, dass sie einfach nicht zur richtigen Zeit an meinem Weg lagen.
Ein Bekannter, dem ich das einmal erzählt habe, meinte nur, bei ihm sei es eine bestimmte Bushaltestelle, an der er manchmal eine Fahrt verstreichen lasse, ohne einen Grund dafür zu haben. Auch er konnte nicht erklären, warum ausgerechnet diese Haltestelle und keine andere. Vielleicht braucht es dafür auch gar keine Erklärung, nur eine Stelle, die sich einmal als richtig erwiesen hat und seitdem einfach bleibt, unabhängig davon, ob man selbst je darüber nachgedacht hat, warum.
Fast ohne Handlung
Das Wasser. Die Ente, die nicht mehr da ist. Ein Blatt, das an der Wasseroberfläche treibt, sich einmal um sich selbst dreht, weiterschwimmt. Ein Auto, weiter hinten, das parkt, dessen Motor verstummt. Schritte, die sich nähern und wieder entfernen, ohne dass eine Person dazu jemals sichtbar würde. Der Beton unter den Handflächen, kühler geworden in den letzten Minuten, mit kleinen, rauen Stellen, die sich anders anfühlen als die glatteren Flächen daneben.
Ein Vogel, nicht näher bestimmbar, ruft zweimal aus einem Baum am gegenüberliegenden Ufer. Zwischen den beiden Rufen liegt eine Pause, die länger wirkt, als sie vermutlich tatsächlich ist. Ein Fahrradklingel, einmal, aus einer Seitenstraße, kein zugehöriges Fahrrad wird sichtbar. Das Baguette, immer noch quer auf der Mauer, eine Ecke davon leicht angeknabbert, vermutlich von einer Ameise oder einem anderen kleinen Tier, das niemand bemerkt hat.
Ein Lichtreflex auf dem Wasser, kurz, verschwindet, taucht an anderer Stelle wieder auf. Stimmen, weit weg, zu leise für einzelne Worte. Ein Moskito, der einmal ganz nah am Ohr vorbeisummt, ohne zu stechen. Kühle, die sich langsam von den Füßen nach oben zieht. Der Beton, der jetzt spürbar kälter ist als noch vor zehn Minuten, eine Veränderung, die sich nicht an einem einzelnen Moment festmachen lässt, sondern nur im Vergleich zu vorhin.
Ein Blatt fällt von einem Baum, obwohl es noch August ist, dreht sich zweimal in der Luft, landet lautlos auf dem Wasser, treibt weiter. Ein zweites Blässhuhn taucht auf, größer als das erste, vielleicht ein Elternteil. Ein Handy vibriert in einer fremden Jackentasche, irgendwo hinter der Hecke, wird nicht abgenommen. Die Straßenlaterne am Ende des Wegs flackert einmal auf, noch zu früh, um wirklich zu leuchten, ein kurzer Testblitz, bevor sie sich wieder ausschaltet.
Nichts davon verlangt eine Reaktion. Nichts davon fügt sich zu einer Geschichte zusammen. Es sind einfach nur die kleinen, unverbundenen Wahrnehmungen, die sich ansammeln, wenn eine Zeit lang nichts anderes zu tun ist, als dazusitzen, ohne Ergebnis, ohne dass am Ende dieser Aufzählung irgendetwas Bestimmtes stünde, das sich als Fazit oder Pointe eignen würde.
Ein Fahrgast in einem vorbeifahrenden Bus, dessen Fenster kurz aufblitzt im letzten Licht, wird für den Bruchteil einer Sekunde sichtbar, ein Gesicht ohne Namen, ohne Geschichte, das genauso schnell wieder verschwindet, wie es aufgetaucht ist. Ein Papierfetzen weht über den Weg, bleibt an einem Grasbüschel hängen, löst sich wieder, fliegt weiter in Richtung der Brücke.
Ein anderer Abend, dieselbe Mauer
Zwei Wochen später führt derselbe Heimweg wieder an derselben Stelle vorbei, diesmal bei bedecktem Himmel, kurz nach einem Regenschauer, der den Beton der Mauer dunkel gefärbt hat. Auch diesmal bleiben die Schritte stehen, ohne Ankündigung, obwohl die Einkaufstüte diesmal leichter ist, nur eine Packung Kaffee und ein paar Zitronen, die im Netz der Tüte sichtbar aufeinanderliegen.
Das Blässhuhn ist nicht zu sehen, dafür schwimmen zwei Schwäne träge am gegenüberliegenden Ufer, ohne sich der Mauer je zu nähern. Der Geruch nach nassem Laub liegt in der Luft, anders als beim ersten Mal, aber ebenso beiläufig registriert wie damals der Zwiebelgeruch. Die Bank, auf der sich ein Kind mit Stützrädern im Bremsen geübt hatte, ist heute leer, nass vom Regen, niemand setzt sich darauf.
Ein älterer Mann geht mit einem Regenschirm vorbei, obwohl es längst nicht mehr regnet, offenbar aus Gewohnheit oder aus Vorsicht. Er nickt kurz in Richtung der Mauer, ohne stehen zu bleiben, ein flüchtiger Gruß zwischen zwei Fremden, die sich vermutlich nie wieder begegnen werden. Auch diesmal vergehen einige Minuten, ohne dass sich jemand fragen würde, wie viele es genau sind, oder ob es überhaupt eine Rolle spielt.
Was sich zwischen diesen beiden Abenden nicht verändert hat, ist die Mauer selbst und die Tatsache, dass sie an manchen Tagen einfach übersehen wird und an anderen zum einzigen Ort wird, an dem man kurz bleibt. Es gibt keine erkennbare Regel dafür, wetterabhängig ist es offensichtlich nicht, tageszeitabhängig auch nicht wirklich. Es scheint eher eine Art Zufall zu sein, der sich nicht vorhersagen, aber im Nachhinein immer wieder erkennen lässt.
An einem dritten Abend, wieder Wochen später, führt derselbe Weg vorbei, ohne dass die Schritte auch nur kurz zögern. Die Mauer ist da, genauso wie immer, aber an diesem Tag gibt es einen Grund, zügig weiterzugehen, ein Anruf, der erwidert werden muss, eine Verabredung, die nicht verpasst werden soll. Die Mauer wird registriert, mehr nicht, ein kurzer Blick im Vorbeigehen, keine Sekunde länger als nötig.
Erst zu Hause, beim Abstellen der Einkaufstüte in der Küche, fällt auf, dass die Mauer heute übergangen wurde, fast wie eine kleine Auslassung, die sich nicht bewusst anfühlt, sondern erst im Nachhinein als solche erkennbar wird. Es entsteht dabei kein Bedauern, eher eine schlichte Feststellung: Heute war kein Tag für die Mauer. Morgen, oder in zwei Wochen, könnte es wieder anders sein, ohne dass sich das im Voraus je sagen ließe.
Der Moment des Weitergehens
Irgendwann steht die Person von der Mauer auf, nicht weil ein bestimmter Grund dazu aufgefordert hätte, sondern eher, weil das Sitzen selbst irgendwann seinen eigenen Impuls erschöpft hat. Die Einkaufstüte wird wieder aufgerichtet, das Baguette zurechtgerückt, beides fast automatisch, ohne dass diesen Handlungen viel Aufmerksamkeit gewidmet würde, während der Blick noch einmal kurz über das inzwischen fast dunkle Wasser gleitet.
Auf der anderen Seite steht, fast zeitgleich, auch die zweite Person auf, faltet die ungelesene Zeitung zusammen, klemmt sie unter den Arm. Beide gehen in entgegengesetzte Richtungen davon, ohne dass einer den anderen je bemerkt hätte, zwei parallele, sich nie kreuzende Abschlüsse desselben stillen Vorgangs, die einander so nahe waren und doch nie voneinander wussten.
Die letzten paar hundert Meter bis zur Haustür fühlen sich anders an als der Rest des Spaziergangs davor. Nicht langsamer, eher aufmerksamer, als hätte das Sitzen auf der Mauer die Wahrnehmung für die restliche Strecke nachträglich geschärft. Ein Nachbar grüßt von seinem Vorgarten, wird gegrüßt, ein kurzer, beiläufiger Austausch, der zu keinem längeren Gespräch führt, aber genügt, um beide Seiten zufriedenzustellen.
Vor der eigenen Haustür angekommen, bleibt noch ein letzter Blick zurück zur Mauer, die von hier aus schon nicht mehr zu sehen ist, nur die Baumreihe entlang des Kanals lässt sich erahnen. Es gibt keinen Grund, sich diesen Ort besonders einzuprägen, und doch bleibt er auf eine Weise haften, die sich schwer erklären lässt, ähnlich wie die Mauer in Elmshorn, die all die Jahre über haften geblieben ist.
Ein Gedanke, der sich mit genau dieser Art von unbeabsichtigtem Innehalten beschäftigt, findet sich auch in Das kleine Glück am Rand der Tage, wo beschrieben wird, wie gerade die Momente ohne erkennbaren Grund am längsten nachwirken, während geplante Höhepunkte oft schneller verblassen.
Am nächsten Tag wird derselbe Weg vermutlich ohne Anhalten zurückgelegt, ohne dass die Mauer irgendeine besondere Rolle spielt. Manchmal bleibt jemand dort sitzen, manchmal nicht, ohne erkennbares Muster, ohne Regel. Ein Beitrag, der sich mit dem bewussten Verzicht auf Planung beschäftigt, beschreibt diese Unregelmäßigkeit von einer anderen Seite: Über das Vergnügen, nichts zu planen.
Vielleicht ist genau das der Punkt: Dass ein Ort, der nichts verlangt, gerade deshalb an manchen Tagen zum einzigen Ort wird, an dem man tatsächlich bleiben möchte, ohne es geplant zu haben, und an anderen Tagen einfach nur eine Mauer ist, an der man vorbeigeht. Wie sich ein ganzer Alltag um solche unregelmäßigen, ungeplanten Pausen herum organisieren lässt, ohne dass Langsamkeit zum Programm wird, beschreibt auch Slow Living, die Kunst der Entschleunigung.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.