Rattan-Stühle im Gegenlicht auf einer Terrasse am Bodensee, zwei Silhouetten am Tisch im Hintergrund, schimmerndes Wasser

Der Blick, der mitgereist ist.

Ombra Celeste Magazin


Ein paar Tage am Wasser können den Blick verändern, noch bevor man es selbst bemerkt.

Ein Nachmittag zwischen zwei Seen

Auf der Terrasse stehen die Stühle dicht beieinander, Geflecht aus hellem Rattan, die Lehnen rund wie Ohren, die sich einander zuneigen. Das Licht kommt tief und seitlich über das Wasser, bricht sich in tausend kleinen Punkten, bevor es die Augen erreicht, und wirft alles, was zwischen der Sonne und dem eigenen Platz steht, in Umriss. Ein schmiedeeisernes Geländer zieht eine Linie zwischen Terrasse und See, mit kreisrunden Verzierungen, die aussehen wie eingefrorene Seifenblasen. Irgendwo dazwischen liegt ein Tisch, an dem gerade noch jemand gesessen hat, jetzt leer, mit einer Serviette, die im Wind leicht flattert.

Vor ein paar Tagen wäre dieser Moment vielleicht einfach ein Kaffee gewesen. Jetzt ist er etwas anderes, ohne dass sich genau sagen ließe, wann sich das verschoben hat. Der Blick bleibt länger an Dingen hängen, die er sonst nur registriert und wieder losgelassen hätte. Das Geflecht eines Stuhls. Der Winkel, in dem sich Licht auf Wasser legt. Eine Fensterreflexion, die für zwei Sekunden genau die Form eines Segels annimmt, bevor eine Welle sie wieder zerteilt.

Diese Art zu sehen ist nicht neu erfunden, nur wieder freigelegt worden. Irgendwo zwischen engen Gassen, warmem Stein und der Weite eines anderen Sees hat sich etwas gelöst, das sich sonst unter Terminen, Bildschirmen und der Gewohnheit des eigenen Alltags verschüttet. Jetzt ist es wieder da, mitgereist wie ein Gepäckstück, das man gar nicht bewusst eingepackt hat.

Der Kaffee auf dem Tisch dampft kaum noch, und trotzdem wird er nicht sofort getrunken. Es gibt keinen Grund zur Eile, aber genau das war vorher auch schon so, ohne dass es aufgefallen wäre. Der Unterschied liegt nicht in der Zeit, die zur Verfügung steht, sondern in der Aufmerksamkeit, die ihr jetzt gewidmet wird. Dieselbe halbe Stunde, die früher zwischen zwei Aufgaben verschwunden wäre, wird jetzt selbst zur Aufgabe, oder eher zu ihrem Gegenteil.

Am Nachbartisch sitzen zwei Silhouetten, nur Umrisse gegen das gleißende Wasser, ihre Gesichter nicht zu erkennen, nur die Haltung ihrer Schultern, die sich einander leicht zuneigen. Es braucht kein Gesicht, um zu erkennen, dass da ein Gespräch stattfindet, dicht und ruhig. Früher wäre dieser Anblick vielleicht ein flüchtiger Eindruck gewesen, kaum der Erwähnung wert. Jetzt bleibt er stehen, wie ein Bild, das sich von selbst komponiert hat.

Ein Segelboot zieht draußen eine schmale weiße Linie über die Wasseroberfläche, langsam genug, dass sich sein Kurs kaum verändert, während man hinsieht. Die Berge auf der anderen Seite liegen flach und blau in einem Dunst, der weder Nebel noch Wolke ist, sondern etwas, das der See selbst zu erzeugen scheint, ganz gleich, an welchem Ufer man gerade sitzt.

Es ist ein nördlicheres Licht als noch vor wenigen Tagen, klarer, kühler in seiner Farbtemperatur, ohne die dichte, fast greifbare Wärme, die über den südlichen Gassen gelegen hat. Und doch trägt der Blick, mit dem all das jetzt betrachtet wird, noch etwas von dort mit sich, eine Art Geduld, die sich nicht erklären lässt, nur spüren.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Souvenir einer Reise, nicht ein Gegenstand, den man mitbringt, sondern eine vorübergehend geschärfte Art zu sehen, die sich noch eine Weile hält, bevor der Alltag sie wieder abschleift.

Was eine Reise wirklich mitgibt, lässt sich selten einpacken.

Was jetzt auffällt

Eine Kellnerin balanciert ein Tablett zwischen den engen Tischreihen hindurch, ohne hinzusehen, mit einer Selbstverständlichkeit, die selbst zum Beobachtungsgegenstand wird. Früher wäre das schlicht Bedienung gewesen. Jetzt ist es eine kleine Choreografie, geübt durch Wiederholung, unbewusst geworden, und genau diese Unbewusstheit macht sie sehenswert.

Das Wasserglas auf dem Tisch beschlägt in der Sonne, feine Tropfen wandern langsam an der Außenwand herunter, vereinigen sich, lösen sich wieder, ein winziges, ständig veränderliches Muster, das niemand sonst am Tisch überhaupt registriert. Es dauert vielleicht zwanzig Sekunden, diesem Vorgang zuzusehen, ohne dass sich in dieser Zeit irgendetwas von Bedeutung ereignet, und trotzdem fühlen sich diese zwanzig Sekunden nicht verschwendet an.

Der Wind, der über die Terrasse streicht, trägt einen Hauch von Fisch und nassem Holz vom Ufer herüber, vermischt mit dem Duft von Kaffee, der aus der offenen Tür des Cafés dringt. Zwei Gerüche, die sich eigentlich widersprechen müssten, und die hier, an diesem Tisch, ganz selbstverständlich nebeneinander bestehen, ohne sich zu stören.

Ein Kind läuft am Geländer entlang, die Hand auf den kühlen Metallkreisen, die es wie kleine Handläufe benutzt, jeden einzelnen kurz berührend, bevor es zum nächsten weitergeht. Die Mutter ruft etwas, das im Wind fast verschwindet, und das Kind bleibt stehen, dreht sich um, läuft zurück, ohne dass daraus eine erkennbare Konsequenz entstünde. Ein kleiner, folgenloser Moment, der trotzdem seinen Platz im Bild behält.

Die Stuhllehne, an der man selbst lehnt, ist warm von der Sonne, das Geflecht drückt sich in einem feinen Muster in die Haut des Unterarms, kaum spürbar, aber sichtbar, wenn man später den Arm betrachtet. Ein flüchtiger Abdruck, der in wenigen Minuten wieder verschwinden wird, und den man trotzdem festhält, wenigstens für den Moment, in dem man ihn bemerkt.

Auf der anderen Seite des Sees fährt eine Fähre, kaum größer als ein weißer Strich, mit einer Regelmäßigkeit, die selbst schon etwas Beruhigendes hat, unabhängig davon, wer an Bord ist oder wohin sie unterwegs ist. Man kennt weder ihren Namen noch ihr Ziel, und trotzdem gehört sie für diesen Moment zum Bild, wie ein Requisit, das niemand bestellt hat.

Diese Häufung kleiner, an sich belangloser Wahrnehmungen wäre vor wenigen Tagen vermutlich ungefiltert an einem vorübergegangen, absorbiert von der schieren Menge an Eindrücken, die ein gewöhnlicher Tag mit sich bringt. Jetzt bleibt fast jede von ihnen einen Moment lang hängen, bevor sie weiterzieht, als hätte sich irgendwo ein Filter gelockert, der sonst viel strenger arbeitet.

Es ist keine bewusste Anstrengung, all das zu sehen. Es passiert eher von selbst, so wie ein Muskel, der ein paar Tage lang trainiert wurde, sich noch eine Weile anders anfühlt, auch wenn man längst nicht mehr aktiv daran denkt, ihn einzusetzen.

Der Geruch, der bleibt

Von allen Sinnen ist es der Geruch, der sich am wenigsten kontrollieren lässt. Man kann wegsehen, man kann sich die Ohren zuhalten, aber ein Geruch ist einfach da, bevor der Verstand überhaupt entscheiden kann, ob er ihn zulassen will. Auf dieser Terrasse ist es eine Mischung aus nassem Holz, Kaffee und einem Hauch Sonnencreme vom Nachbartisch, die sich ohne Vorwarnung im Kopf festsetzt.

Gerüche haben eine Art, Zeit zu falten, die kein anderer Sinn beherrscht. Ein einzelner Hauch von warmem Stein, kaum wahrnehmbar, genügt, um für einen Wimpernschlag wieder in einer ganz anderen Gasse zu stehen, obwohl die Augen unverändert auf den Bodensee gerichtet bleiben. Es ist kein bewusstes Erinnern, eher ein kurzes Kippen der Wahrnehmung, das genauso schnell wieder vorbei ist, wie es gekommen ist.

Der Kaffee selbst schmeckt hier anders als südlich der Alpen, etwas milder, weniger konzentriert, in einer größeren Tasse serviert. Es ist kein besserer oder schlechterer Geschmack, nur ein anderer, und genau dieser Unterschied macht ihn auf eine Weise interessant, die einem sonst entgangen wäre. Ein Schluck, der vor wenigen Tagen einfach nur Kaffee gewesen wäre, wird zum kleinen Vergleich, ohne dass ein Urteil daraus folgen müsste.

Manche Unterschiede müssen nicht bewertet werden, um bemerkt zu werden.

Auf dem Tisch liegt ein Stück Kuchen, das niemand bestellt zu haben scheint, vielleicht vom Nachbartisch übriggeblieben und stehengelassen, mit einer Gabel, die noch halb im Teig steckt. Der Duft von Butter und gerösteten Mandeln zieht herüber, vermischt sich mit dem Kaffee, und für einen Moment ist die ganze Terrasse ein einziges Geflecht aus Gerüchen, die sich gegenseitig weder verstärken noch auslöschen.

Ein ähnliches Zusammenspiel der Sinne, bei dem der Körper oft früher weiß als der Verstand, wann ein Moment beginnt, beschreibt Der Körper, der weiß, wann ein Moment beginnt, nur dass es dort eher die Haut ist, die als erstes reagiert, hier ist es eindeutig die Nase.

Der Wind wechselt die Richtung, kaum merklich, und mit ihm verschwindet der Geruch von Sonnencreme, weicht einem stärkeren Zug von Wasser, kühl und mineralisch, der von weiter draußen auf dem See herüberkommt. Dieser Geruch ist eindeutig nördlich, eindeutig Bodensee, ohne dass sich benennen ließe, woran genau das liegt. Vielleicht am fehlenden Salz, vielleicht an einer Kälte, die selbst im Sommer im Wasser steckt.

Es ist ein seltsames Gefühl, zwei Gerüche gleichzeitig im Kopf zu haben, die geografisch Hunderte Kilometer trennen, und trotzdich beide gleich präsent zu empfinden, keiner davon älter oder verblasster als der andere. Als läge zwischen ihnen keine Reise von mehreren Tagen, sondern nur eine dünne Membran, durch die beide gleichzeitig hindurchdringen können.

Am Ende bleibt von einem Geruch selten mehr als ein paar Sekunden, bevor er sich auflöst oder von einem anderen überlagert wird. Und doch reicht diese kurze Zeitspanne aus, um für einen Moment zwei Orte gleichzeitig zu bewohnen, ohne dass der Körper sich dabei entscheiden müsste, wo er eigentlich gerade sitzt.

Was sich anhört wie von dort

Das Klirren von Besteck auf Porzellan ist überall auf der Welt ungefähr derselbe Klang, und trotzdem hört er sich hier, an diesem Tisch, für einen kurzen Moment an wie ein Echo aus einer ganz anderen Küche, an einem ganz anderen Ufer. Der Verstand weiß genau, wo er sitzt. Das Ohr scheint sich da nicht ganz so sicher zu sein.

Ein Motorboot zieht draußen vorbei, sein Motor ein tiefes, gleichmäßiges Brummen, das sich über das Wasser trägt, bevor es überhaupt sichtbar wird. Genau dieses Geräusch, dieser bestimmte Rhythmus aus Brummen und leisem Klatschen der Wellen gegen einen unsichtbaren Rumpf, hat sich vor wenigen Tagen tief eingeprägt, auf einem anderen See, unter einer anderen Sonne. Jetzt taucht er hier wieder auf, fast identisch, nur die Umgebung drumherum ist eine andere.

Die Stimmen am Nachbartisch, gedämpft durch den Wind, ergeben keine verständlichen Worte mehr, nur eine Melodie aus Auf und Ab, aus Pausen und kurzen Lachern. Diese Tonlage eines Gesprächs, das man nicht versteht und nicht verstehen muss, klingt an jedem Ufer gleich, unabhängig von der Sprache, die tatsächlich gesprochen wird.

Manche Klänge kennen keine Landessprache, nur eine Stimmung.

Aus der Ferne schlägt eine Kirchturmuhr, gedämpft, kaum zu zählen, wie viele Schläge es waren. Auch das ein Geräusch, das an unzähligen Ufern in Europa auf dieselbe Weise klingt, unabhängig vom Namen der Kirche oder der Sprache, in der später vielleicht gebetet wird. Ein Klang, der sich über Ländergrenzen hinweg kaum verändert, während sich fast alles andere um ihn herum unterscheidet.

Ein Kind lacht irgendwo hinter dem Geländer, ein kurzes, helles Aufjauchzen, das sofort wieder verstummt. Dieses eine Geräusch reicht aus, um für eine Sekunde an ein anderes Kind zu denken, das vor wenigen Tagen am Rand einer Bucht gestanden hat, ohne dass sich beide Situationen inhaltlich in irgendeiner Weise ähneln würden. Nur der Klang selbst stellt die Verbindung her, unabhängig vom Zusammenhang.

Möwen kreischen über dem Wasser, ein Geräusch, das eher zur Küste passen würde als zu einem Binnensee, und das trotzdem hier genauso präsent ist wie dort, wo tatsächlich Salzwasser unter den Booten liegt. Die Vögel selbst unterscheiden offenbar nicht so genau zwischen den beiden Gewässern, wie man es als Mensch vielleicht täte.

Ein Löffel schlägt gegen eine Tasse, einmal, zweimal, während jemand seinen Kaffee umrührt, ein winziges metallisches Klingen, das im Wind fast untergeht. Es ist erstaunlich, wie viele dieser kleinen Geräusche gleichzeitig da sind, ohne dass eines das andere übertönt, jedes an seinem eigenen Platz im Klangbild dieses Nachmittags.

Zwischen all diesen Geräuschen liegt eine Stille, die keine echte Stille ist, sondern eher eine Pause zwischen den Lauten, kurz genug, um kaum aufzufallen, und doch lang genug, um für einen Moment ganz bei sich selbst zu sein, bevor das nächste Geräusch wieder alle Aufmerksamkeit beansprucht.

Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Vertrautem und Fremdem im Klang, die den Eindruck erzeugt, gleichzeitig an zwei Orten zu sein. Kein Bild, keine Erinnerung im eigentlichen Sinn, nur ein Ohr, das an diesem Nachmittag Geräusche aufnimmt, die es erst vor kurzem an einem ganz anderen Wasser gelernt hat zu hören.

Zwischen zwei Ufern

Der Comer See und der Bodensee haben äußerlich wenig gemeinsam. Der eine eng zwischen steilen Hängen eingeklemmt, mit Palmen und Zypressen an seinen Ufern, der andere weit und offen, von sanfteren Hügeln gerahmt, mit Streuobstwiesen neben den eigenen Weinterrassen. Und doch legt sich, an diesem Tisch, für einen Moment etwas übereinander, das keine geografische Ähnlichkeit braucht, um zu funktionieren.

Der Ort selbst bleibt derselbe. Es ist die Art, ihn zu betrachten, die sich verschoben hat. Dieselbe Geduld, mit der man dort einem Boot in einer namenlosen Bucht zugesehen hat, richtet sich jetzt auf eine Fähre hier. Derselbe Blick, der dort die Sicheln des Lichts unter einem Baum entdeckt hätte, findet hier die Tropfen an einem Wasserglas.

Es gibt einen kurzen Moment, in dem die beiden Orte sich fast berühren, weniger als Erinnerung denn als Wahrnehmungsmuster, das von einem See zum anderen gereist ist wie ein blinder Passagier. Man könnte die Augen schließen und für eine Sekunde nicht mehr sicher sagen, an welchem Ufer man gerade sitzt. Die Orte ähneln sich dabei kaum, nur die Art, sie aufzunehmen, ist plötzlich dieselbe geblieben.

Diese Übertragung funktioniert nur, solange man sie nicht zu genau befragt. Sobald man versucht, sie in Worte zu fassen, sie zu erklären oder zu begründen, zerfällt sie ein wenig, wie ein Traum, der beim Erzählen an Schärfe verliert. Am besten lässt man sie einfach geschehen, ohne sie beim Namen zu nennen.

Ein Kellner stellt am Nachbartisch ein Glas ab, das Klirren von Glas auf Holz, kurz und hell, und für einen winzigen Moment klingt es genauso wie das Geräusch von Gläsern auf einem Boot, Tage zuvor, auf einem ganz anderen Wasser. Der Klang selbst kennt keine geografische Grenze, er trägt keine Erinnerung an einen bestimmten Ort in sich, nur an eine bestimmte Art von Moment, die sich überall wiederholen kann, wo Menschen an Wasser sitzen und etwas trinken.

Die geschärfte Wahrnehmung, die hier am Werk ist, unterscheidet nicht zwischen Süden und Norden, zwischen fremdem und vertrautem Ufer. Sie richtet sich einfach auf das, was gerade da ist, mit derselben Intensität, egal ob das Wasser mediterranblau oder nordisch grau schimmert. Vielleicht ist das ihr eigentlicher Wert, dass sie sich nicht an einen bestimmten Ort bindet, sondern überallhin mitreist, solange man sie lässt.

Ein Schwarm kleiner Vögel fliegt tief über die Wasseroberfläche, dreht gemeinsam ab, so plötzlich und synchron, dass es fast choreografiert wirkt, und verschwindet hinter dem Geländer aus dem Blickfeld. Kein besonderes Ereignis, nichts, das eine Geschichte tragen würde, und trotzdem ein Bild, das für einen Moment die ganze Aufmerksamkeit bindet, so wie es auch am anderen Ufer, an einem anderen Tag, geschehen sein könnte.

Zwischen den beiden Seen liegt eine Strecke von mehreren hundert Kilometern, Berge, Grenzen, ein ganz anderes Klima. Und trotzdem sitzt man hier, an diesem Tisch, mit einem Blick, der beide Orte in sich trägt, ohne sie zu vergleichen, ohne eine Rangfolge aufzustellen, welcher der beiden schöner sei. Sie existieren nebeneinander, in derselben Wahrnehmung, ohne einander zu widersprechen. Eine ähnliche Haltung, nichts festlegen zu müssen, beschreibt Über das Vergnügen, nichts zu planen, nur auf einen ganz anderen Bereich des Tages bezogen.

Wie lange bleibt das

Die Frage stellt sich nicht bewusst, sie liegt einfach mit im Raum, während der Kaffee endgültig kalt wird: Wie lange hält so eine geschärfte Wahrnehmung an, bevor der gewohnte Alltag sie wieder zurückholt? Ob sie in ein paar Tagen, sobald wieder Termine, Bildschirme und die vertraute Umgebung übernehmen, genauso leise verschwindet, wie sie gekommen ist.

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, nur die Beobachtung, dass es beim letzten Mal ähnlich war, und beim Mal davor auch, ein allmähliches Verblassen, das man selbst kaum bemerkt, bis man eines Tages an einem Tisch sitzt und den Kaffee einfach trinkt, ohne dem Licht auf dem Wasser noch eine besondere Beachtung zu schenken.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum man sich immer wieder an Wasser setzt, an unterschiedlichen Ufern, in unterschiedlichen Ländern. Nicht wegen der Aussicht allein, sondern wegen dieser Möglichkeit, den eigenen Blick noch einmal zu schärfen, ihn aus der Gewohnheit zu lösen, auch wenn man weiß, dass die Schärfe nicht von Dauer sein wird. Ähnlich beschreibt es Das kleine Glück am Rand der Tage: Es sind selten die großen Ereignisse, die bleiben, sondern die kleinen Ränder dazwischen.

Nicht jede Schärfe muss von Dauer sein, um wertvoll gewesen zu sein.

Das Geländer mit den kreisrunden Verzierungen glänzt jetzt heller, die Sonne ist ein Stück weitergewandert, wirft die Schatten der Stühle länger über den Steinboden. Die zwei Silhouetten am Nachbartisch sind aufgestanden, ihre Stühle stehen jetzt schräg, halb zurückgeschoben, ein kleines Durcheinander, das vor wenigen Minuten noch nicht da war.

Man bleibt noch sitzen, obwohl der Kaffee längst getrunken ist, obwohl es keinen wirklichen Grund mehr gibt zu bleiben, außer diesem einen: dass die Terrasse, das Licht, das Wasser gerade noch etwas hergeben, das sich morgen vielleicht schon anders anfühlt.

Irgendwo zwischen dem ersten Blick auf das Geländer und diesem letzten Moment ist etwas geschehen, das sich schwer benennen lässt, weder ein Ereignis noch eine Erkenntnis, eher eine Verschiebung, die sich in der Art zeigt, wie ein gewöhnlicher Nachmittag plötzlich reich an Einzelheiten wird, die sonst spurlos vorbeigezogen wären.

Der Wind dreht kurz, trägt für einen Moment wieder diesen Hauch von Fisch und nassem Holz herüber, vermischt mit einem Rest Kaffeeduft, und dann ist er weg, ersetzt von der gewöhnlichen Luft eines späten Nachmittags am See, die genauso gut sein könnte wie jeder andere.

Ob dieser geschärfte Blick morgen noch da ist, an einem anderen Ufer, einem anderen Tisch, oder erst wieder verschwunden, wenn der Alltag zurückkehrt, lässt sich von hier aus nicht sagen. Für diesen einen Nachmittag, an diesem einen Tisch, war er da, und das allein reicht für den Moment vollkommen aus.

Die Sonne steht jetzt tief genug, dass ihr Licht nicht mehr blendet, sondern nur noch wärmt, ein letzter goldener Streifen auf dem Wasser, bevor die Dämmerung übernimmt und die ersten Lichter am gegenüberliegenden Ufer angehen. Auch das ein Bild, das es an jedem Ufer gibt, an dem man lange genug sitzen bleibt, um es zu bemerken.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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