Der Duft an der Seitentür
Share
Ombra Celeste Magazin
Manche Düfte gehören zu einer Uhrzeit, nicht zu einem Ort, und genau deshalb bleiben sie so lange in der Nase.
Vier Uhr, die Seite der Backstube
Um diese Zeit ist die Straße leer bis auf die eigene Gruppe, die sich lachend, aber schon leiser als vor zwei Stunden, an die Rückseite einer Bäckerei schiebt. Kein Hauptzugang, kein Schaufenster, nur eine schmale Seitentür, aus deren Ritzen Licht und Wärme gleichzeitig nach draußen dringen, zusammen mit einem Duft, der die ganze Nacht mit einem Schlag relativiert.
Die Beine sind müde, die Stimmen brüchig vom vielen Reden, die Kleidung riecht nach Rauch und einem Club, den man längst wieder vergessen hat. Und dann, mitten in dieser Erschöpfung, dieser eine Geruch: warme Hefe, ein Hauch Karamell von der Kruste, dazu etwas Mehliges, Staubiges, das sich nicht genau benennen lässt, aber sofort als vertraut erkannt wird, obwohl man um diese Uhrzeit sonst nie hier steht.
Jemand klopft an die Seitentür, halb im Scherz, halb im Ernst, und tatsächlich öffnet sie sich einen Spalt, genug, um zu sehen, wie viel heller es drinnen ist als draußen, wie viel wacher die Menschen dort wirken als die eigene Gruppe. Ein kurzer Wortwechsel, ein Nicken, und schon stehen die ersten Brötchen in einer Papiertüte in der Hand, noch zu heiß, um sie richtig zu halten, aber niemand legt sie deshalb ab.
Ein Duft kann eine ganze durchwachte Nacht in einen einzigen guten Moment verwandeln.
Man beißt hinein, noch auf der Straße stehend, und die Kruste bricht mit einem Geräusch, das genauso zum Erlebnis gehört wie der Geschmack selbst, dieses feine Knacken, das es bei abgekühltem Brot nie gibt. Der Dampf steigt sichtbar auf in der kühlen Nachtluft, für einen Moment sieht es aus, als würde das Brötchen selbst atmen.
Die Gruppe setzt sich auf die Bordsteinkante, isst im Stehen oder im Sitzen, je nachdem, wer noch die Kraft für eine Entscheidung hat, und für ein paar Minuten ist die ganze durchfeierte Nacht vergessen, ersetzt durch dieses eine, sehr einfache Vergnügen, etwas Frisches zu essen, während die Stadt drumherum noch schläft.
Ein Auto fährt vorbei, langsam, vielleicht ein früher Zeitungsbote, vielleicht jemand auf dem Weg zur Frühschicht irgendwo anders. Die eigene Gruppe wirkt in diesem Moment wie ein Fremdkörper in der Stadt, wach zur falschen Zeit, während gleichzeitig längst andere Menschen ihre eigene, ganz reguläre Zeit begonnen haben.
Diese eine Backstubenseite, dieser eine Duft, wird noch Jahrzehnte später abrufbar sein, ohne dass sich erklären ließe, warum ausgerechnet dieser Moment sich so tief eingegraben hat und nicht die vielen anderen Nächte, die genauso ausgesehen haben müssen. Vielleicht ist es genau die Kombination, die dafür sorgt: Erschöpfung und Frische, Dunkelheit und Wärme, zwei Zustände, die sich eigentlich ausschließen und die sich in diesem einen Duft trotzdem berühren.
Ein Bekannter reicht sein letztes Stück weiter, ohne dass jemand danach gefragt hätte, ein kleiner, selbstverständlicher Moment des Teilens, der zu dieser Uhrzeit irgendwie leichter fällt als tagsüber. Vielleicht liegt es daran, dass um vier Uhr morgens die üblichen sozialen Regeln etwas lockerer sind, oder einfach daran, dass gerade jeder genau dasselbe fühlt.
Die Papiertüte wird irgendwann leer sein, die Krümel noch auf dem Bordstein liegend, und die Gruppe wird weiterziehen, Richtung Zuhause oder Richtung nächster Station der Nacht, aber dieser eine Halt an der Backstubenseite bleibt der Ankerpunkt, an dem sich später jede Erinnerung an diese Zeit im Leben festmacht.
Jemand erzählt zwischen zwei Bissen eine Geschichte, die nicht wirklich zu Ende erzählt wird, weil das Brötchen zu gut ist, um sich mit Reden aufzuhalten. Ein Lachen setzt trotzdem ein, mitten im Satz, mehr aus Müdigkeit als aus echtem Anlass, aber genau diese Art von Lachen, das keinen Grund braucht, gehört zu solchen Nächten dazu wie der Duft selbst.
Ein anderer aus der Gruppe hält das Brötchen zu lange in der Hand, ohne hineinzubeißen, nur um den Duft noch ein wenig länger festzuhalten, bevor der erste Biss ihn unweigerlich verändert. Es ist ein kleiner, fast kindlicher Moment, dieses bewusste Hinauszögern, das später niemand mehr erwähnen wird, das aber trotzdem zur vollständigen Erinnerung an diese Nacht gehört.
Die Kälte der frühen Morgenstunde kriecht langsam durch die dünnen Jacken, unpassend gewählt für eine Nacht, die eigentlich viel früher hätte enden sollen. Aber die Wärme des Brötchens in der Hand gleicht das kurz aus, ein winziger, lokaler Trost gegen eine Kälte, die sich sonst kaum aufhalten ließe.
Irgendwo in der Ferne schlägt eine Kirchturmuhr, gedämpft, kaum zu zählen, wie viele Male, und trotzdem reicht der Klang aus, um kurz daran zu erinnern, dass diese Nacht, wie jede andere auch, eine bestimmte Uhrzeit hat, auch wenn sie sich gerade anfühlt, als könnte sie ewig weitergehen. Diese Erinnerung an die Zeit verschwindet fast so schnell wieder, wie sie gekommen ist, verdrängt vom nächsten Bissen, dem nächsten Satz, dem nächsten geteilten Lachen.
Drinnen, lange vor jedem Kunden
Während draußen eine Gruppe junger Menschen ihre Nacht mit frischem Brot ausklingen lässt, läuft drinnen längst die dritte oder vierte Charge des Tages. Für den Bäcker ist die Uhrzeit keine besondere Ausnahme, sondern schlicht die Mitte seiner Schicht, die oft schon gegen ein oder zwei Uhr begonnen hat, lange bevor überhaupt eine Nacht draußen zu Ende geht.
Der Ofen strahlt eine Hitze ab, die den ganzen Raum durchdringt, unabhängig von der Kälte, die draußen an der Seitentür wartet. Mehlstaub liegt wie ein feiner Film auf jeder Oberfläche, auf den Arbeitsflächen, auf den Regalen, sogar in der Luft selbst, sichtbar im Licht der einzelnen Lampe, die über der Arbeitsfläche hängt.
Für den Bäcker ist der Duft, der draußen ganze Erinnerungen prägt, längst zur Kulisse geworden, kaum noch bewusst wahrgenommen, so wie man den eigenen Herzschlag nicht mehr hört, nachdem man eine Weile zugehört hat. Die Nase gewöhnt sich an das, was ständig da ist, filtert es aus, konzentriert sich auf die kleinen Abweichungen, die tatsächlich etwas bedeuten: eine Charge, die eine Spur zu dunkel wird, ein Teig, der nicht ganz wie erwartet aufgeht.
Was für den einen ein besonderer Moment ist, ist für den anderen die tausendste Wiederholung.
Die Handgriffe laufen automatisch, geformt durch Jahre der Wiederholung, ohne dass noch bewusst nachgedacht werden müsste, wie viel Druck welcher Teig braucht, wie lange welche Sorte im Ofen bleibt. Der Körper weiß es, unabhängig vom Kopf, der zu dieser Uhrzeit vielleicht schon an ganz andere Dinge denkt, an den bevorstehenden freien Tag, an ein Gespräch vom Vortag.
Ein Klopfen an der Seitentür ist an sich nichts Ungewöhnliches, es passiert häufiger, als man denken würde, Menschen aus der Nachbarschaft, Nachtschwärmer, gelegentlich auch andere Handwerker, die zur ähnlichen Uhrzeit arbeiten. Ein kurzer Blick durch den Spalt, eine schnelle Einschätzung, ob es sich lohnt, kurz zu unterbrechen, und meistens lohnt es sich, weil ein kleiner Verkauf um vier Uhr morgens genauso zählt wie einer um acht.
Die eigene Müdigkeit spielt dabei kaum eine Rolle, sie ist so konstant geworden über die Jahre, dass sie fast schon zum normalen Zustand gehört, nicht mehr als etwas Besonderes empfunden wird, das benannt werden müsste. Andere Menschen sprechen von Müdigkeit als Ausnahmezustand, für den Bäcker ist sie eher ein Grundrauschen, das sich über die Jahre kaum verändert hat.
Von draußen dringt gedämpftes Lachen herein, kurz, dann wieder verstummt, während drinnen die nächste Charge in den Ofen geschoben wird, mit derselben routinierten Bewegung wie die letzten hundert Male zuvor. Zwei völlig unterschiedliche Nächte, kaum zwei Meter voneinander entfernt, getrennt nur durch eine dünne Tür und einen fundamental anderen Bezug zu genau demselben Duft.
Der Bäcker weiß nicht, wer diese Nacht an der Seitentür steht, wird es auch nie erfahren, wird sich an diesen speziellen Verkauf schon am nächsten Tag nicht mehr erinnern, während für die andere Seite genau dieser Moment vielleicht jahrzehntelang haften bleibt. Diese Asymmetrie ist niemandem bewusst, in diesem Moment nicht, und trotzdem prägt sie beide Seiten auf ganz unterschiedliche Weise.
Am Ende der Schicht, wenn die Sonne längst aufgegangen ist und die ersten regulären Kunden durch die Vordertür kommen, wird der Bäcker selbst kaum noch etwas riechen, abgestumpft durch Stunden in derselben Luft, während für jeden neuen Kunden genau dieser Duft der erste bewusste Eindruck des Tages ist.
Zwischendurch, in einer kurzen Pause, tritt der Bäcker manchmal selbst kurz vor die Seitentür, nicht um Kunden zu bedienen, sondern nur um für ein paar Atemzüge frische, kalte Luft zu bekommen, die nichts mit Mehl oder Hefe zu tun hat. In diesen Sekunden fällt einem die eigene Arbeit manchmal wieder von außen auf, der Duft, der von drinnen herausdringt, wird für einen kurzen Moment wieder bewusst wahrnehmbar, so wie er es für jeden Fremden ohnehin die ganze Zeit ist.
Ein Radio läuft leise im Hintergrund, gedämpft durch das Rauschen des Ofens, kaum verständlich, aber trotzdem eine kleine Gesellschaft in einer Arbeit, die sonst meist allein verrichtet wird. Die Musik wechselt, ohne dass sie wirklich bewusst wahrgenommen würde, ein weiteres Element im großen Gewebe aus Wiederholung, das diese frühen Stunden ausmacht.
Die Hände zeigen die Spuren dieser Arbeit deutlich, kleine Narben von heißen Blechen, raue Stellen vom ständigen Kontakt mit Mehl und Wasser, Fingerkuppen, die längst nicht mehr so empfindlich reagieren wie bei anderen Menschen. Diese Hände wissen mehr über Teig als jeder Kopf es in Worte fassen könnte, ein Wissen, das sich über Jahre eingeschlichen hat, ohne dass ein einzelner Moment dafür benennbar wäre.
Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass noch Stunden bis zur eigentlichen Öffnung bleiben, eine Zeitspanne, die für Außenstehende unvorstellbar lang wirkt, für den Bäcker aber schlicht ein Drittel der eigenen Schicht ist, weder besonders lang noch besonders kurz, einfach nur ein Teil des gewohnten Ablaufs.
Der Duft, der beide erreicht
Es gibt einen kurzen Moment, wenn die Seitentür einen Spalt geöffnet wird, in dem beide Welten sich für ein paar Sekunden überschneiden. Der Bäcker sieht eine müde, fröhliche Gruppe, die draußen im kühlen Morgen steht, während die Gruppe einen kurzen Blick in eine hell erleuchtete, dampfende Arbeitswelt erhascht, die um diese Uhrzeit sonst niemand zu sehen bekommt.
Für einen Atemzug lang riechen beide Seiten exakt denselben Duft, mit exakt demselben chemischen Ursprung, und doch bedeutet er für jede Seite etwas fundamental anderes. Für die eine Seite ist es ein einmaliges, besonderes Erlebnis, das sich vom Rest der Nacht abhebt. Für die andere ist es Arbeit, Routine, ein Duft, der einfach da ist, seit Stunden schon, ohne besondere Bedeutung.
Derselbe Duft kann für zwei Menschen zwei völlig verschiedene Dinge bedeuten, gleichzeitig, im selben Moment.
Die Papiertüte wechselt den Besitzer, eine kleine, unspektakuläre Transaktion, die trotzdem beide Seiten für einen Moment verbindet. Der Bäcker reicht etwas heraus, das er selbst gerade erst geformt und gebacken hat, mit Händen, die längst wund von der Hitze und der ständigen Wiederholung sind. Die andere Seite nimmt es entgegen, ohne die Mühe dahinter wirklich zu sehen, nur das Ergebnis, warm und duftend.
Ein kurzer Blickkontakt, vielleicht ein Nicken, mehr nicht, aber in diesem kurzen Moment berühren sich zwei sehr unterschiedliche Nächte, ohne dass ein einziges Wort darüber fällt, wie unterschiedlich sie tatsächlich verlaufen sind. Der Bäcker kehrt zurück an seine Arbeitsfläche, die Tür fällt zu, und der Duft, der eben noch beide Welten verband, trennt sich wieder in zwei parallele, unabhängige Erfahrungen.
Draußen wird der Duft zur Erinnerung, verknüpft mit einer bestimmten Nacht, einer bestimmten Gruppe von Menschen, einem bestimmten Lebensabschnitt. Drinnen bleibt er Handwerk, Wiederholung, eine von unzähligen Chargen, die diese Nacht und alle folgenden Nächte noch entstehen werden, ohne besonderen Anlass, ohne besonderes Ereignis, das sich daran festmachen ließe.
Es ist dieser doppelte Charakter, der einen Duft wie diesen so besonders macht: gleichzeitig alltäglich und außergewöhnlich, gleichzeitig Arbeit und Erinnerung, je nachdem, auf welcher Seite der dünnen Tür man gerade steht. Kein anderer Sinn erzeugt diese Art von gleichzeitiger doppelter Bedeutung so mühelos wie der Geruchssinn, der offenbar völlig unbeeindruckt davon ist, welche Geschichte ihm zugeschrieben wird.
Ähnlich verhält es sich mit vielen Ritualen, die scheinbar von selbst entstehen, ohne dass jemand sie bewusst gestaltet hätte, wie es auch Rituale, die sich selbst erschaffen – ohne unser Zutun beschreibt, nur dass es dort um wiederkehrende eigene Gewohnheiten geht, hier um einen einzelnen, unwiederholbaren Moment, der trotzdem dieselbe unbeabsichtigte Kraft entfaltet.
Man geht schließlich weiter, die Tüte inzwischen leer, die Krümel verstreut, und der Duft bleibt noch eine Weile an der Kleidung haften, ein letzter, langsam verblassender Beweis dafür, dass dieser kurze Kontakt zwischen zwei Welten tatsächlich stattgefunden hat und kein bloßer Gedanke war.
Ein Windstoß trägt für einen Moment den Duft noch einmal deutlicher heran, bevor er sich endgültig in der Nachtluft verliert, vermischt mit den gewöhnlichen Gerüchen der Straße, feuchtem Asphalt, den letzten Resten von Abgasen eines vorbeigefahrenen Autos. Diese Vermischung markiert unbewusst das Ende des besonderen Moments, den Übergang zurück in eine gewöhnliche Nacht, die weitergeht, ohne diesen einen Halt an der Seitentür.
Man dreht sich noch einmal kurz um, unwillkürlich, ohne recht zu wissen, wonach man eigentlich sucht. Die Backstube liegt schon wieder im Halbdunkel der Straße, nur ein schmaler Lichtstreifen unter der Seitentür verrät noch, dass drinnen weitergearbeitet wird, unbeeindruckt davon, dass draußen gerade jemand zurückblickt.
Die Gruppe formiert sich neu, ein loser Haufen aus müden, aber zufriedenen Menschen, die weiterziehen, ohne dass jemand explizit das Signal dafür gegeben hätte. Es ist einer dieser stillen Übergänge, die zu langen Nächten gehören, ein gemeinsames, unausgesprochenes Gefühl, dass dieser eine Programmpunkt nun abgeschlossen ist und der nächste Schritt der Nacht folgen kann.
Erst viel später, weit weg von dieser Straße, wird klar, wie besonders dieser eine, eigentlich völlig unspektakuläre Stopp tatsächlich war, verglichen mit allem anderen, das in dieser Nacht sonst noch geschah. Clubs, Gespräche, Musik, all das verblasst mit der Zeit stärker als dieser eine kurze Moment an der Backstubenseite, der sich seltsam widerständig gegen das Vergessen zeigt.
Was heute noch in der Nase ist
Jahrzehnte später reicht manchmal ein einziger Hauch von warmem Hefebrot, irgendwo an einer ganz anderen Straßenecke, in einer ganz anderen Stadt, um für einen Sekundenbruchteil wieder genau an dieser einen Backstubenseite zu stehen. Der Verstand weiß längst, dass es ein anderer Ort, eine andere Zeit ist. Die Nase scheint das nicht ganz zu glauben.
Es ist erstaunlich, wie präzise ein Duft eine ganze Szene mitträgt, ohne dass ein einziges Bild dafür nötig wäre. Nicht das Gesicht der damaligen Freunde taucht als Erstes auf, nicht die genaue Straße, sondern zuerst dieser Geruch selbst, und erst danach, wie ein Nachklapp, die dazugehörigen Bilder, verschwommen, aber trotzdem klar genug, um wiedererkannt zu werden.
Ein Duft muss nicht wiederholt werden, um bewahrt zu bleiben. Er muss nur einmal tief genug gehen.
Man fragt sich gelegentlich, ob der Bäcker von damals überhaupt noch lebt, ob die Bäckerei noch existiert, an derselben Adresse, mit denselben Öffnungszeiten für die Vordertür und derselben unauffälligen Seitentür für alle, die zur falschen Zeit hungrig sind. Wahrscheinlich hat sich vieles verändert, neue Besitzer, neue Rezepte, vielleicht sogar ein anderes Gebäude an derselben Stelle. Der Duft in der eigenen Erinnerung bleibt davon unberührt, fest verankert an genau diesem einen Zeitpunkt.
Diese Art von Erinnerung unterscheidet sich von anderen dadurch, dass sie sich nie abgenutzt hat, obwohl sie so oft heraufbeschworen wurde, bei jedem neuen Duft von frischem Brot, bei jeder Bäckerei, an der man frühmorgens vorbeikommt. Andere Erinnerungen verblassen mit der Zeit, werden ungenauer, vermischen sich mit anderen Erlebnissen. Diese eine bleibt seltsam scharf, immer wieder neu abrufbar, ohne an Kraft zu verlieren.
Vielleicht liegt es daran, dass Gerüche direkter mit dem limbischen System verbunden sind als jeder andere Sinneseindruck, eine biologische Abkürzung, die keine bewusste Anstrengung braucht, um eine ganze Szene wachzurufen. Genau dieses direkte Zusammenspiel von Körper und Erinnerung beschreibt auch Der Körper, der weiß, wann ein Moment beginnt, wenngleich dort ein anderer Anlass im Zentrum steht.
Man könnte versuchen, diesen Duft künstlich nachzustellen, ein ähnliches Brötchen kaufen, in einer ähnlichen Bäckerei, zu einer ähnlichen Uhrzeit. Es würde wahrscheinlich nicht ganz dasselbe sein, denn es fehlt die Müdigkeit von damals, die spezielle Kälte jener Nacht, die Stimmen der Menschen, die inzwischen selbst ganz andere Wege gegangen sind. Der Duft allein reicht offenbar nicht, es braucht den ganzen Zusammenhang, aus dem er einmal entstanden ist.
Der Duft von warmem Brot wird wohl nie ganz neutral bleiben, ganz gleich, an welcher Bäckerei man vorbeigeht, in welcher Stadt, zu welcher Uhrzeit. Irgendwo darunter liegt immer diese eine Nacht, diese eine Seitentür, dieser eine Moment, in dem eine durchfeierte Jugend und ein fremdes, stilles Handwerk sich für ein paar Minuten dasselbe Licht geteilt haben.
Manchmal, an einem gewöhnlichen Morgen, Jahrzehnte später, auf dem Weg zu etwas völlig anderem, reicht ein einziger Windzug aus einer geöffneten Bäckereitür, um für einen Wimpernschlag genau dort zu sein, mit genau denselben Menschen, in genau derselben Kälte. Der Moment vergeht so schnell, wie er gekommen ist, aber er hinterlässt jedes Mal denselben kurzen, warmen Nachklang.
Von den Menschen aus jener Nacht hat man längst nicht mehr zu allen Kontakt, manche Namen sind verblasst, manche Gesichter nur noch vage erinnerbar. Der Duft aber kennt keine solche Erosion, er bleibt in seiner Intensität erstaunlich konstant, während sich fast alles andere um ihn herum längst verändert hat.
Es gibt vermutlich Tausende solcher Backstubenseiten in Tausenden Städten, jede mit ihrer eigenen, kleinen Nachtgeschichte, jede mit einem Bäcker, der seine eigene, ganz andere Beziehung zu demselben Duft hat. Man wird nie erfahren, wie viele andere Menschen an genau dieser einen Backstube in genau dieser Nacht ebenfalls kurz angehalten haben, aus wie vielen anderen Blickwinkeln derselbe Duft in diesem Moment erlebt wurde.
Der Gedanke daran, dass ein einzelner Duft gleichzeitig für so viele unterschiedliche Menschen so viele unterschiedliche Bedeutungen tragen kann, bleibt eigenartig tröstlich. Er macht diesen einen Moment nicht kleiner, nur Teil eines viel größeren, unsichtbaren Gewebes aus Nächten, Backstuben und Menschen, die zur falschen oder genau richtigen Zeit an derselben Tür standen.
Wer heute selbst früh unterwegs ist, an einer Bäckerei vorbeikommt, deren Vordertür noch geschlossen ist, während aus einer Seitentür bereits Licht und Wärme dringen, kennt vielleicht dasselbe kurze Innehalten. Ein Moment, in dem sich zwei völlig fremde Leben für einen Atemzug lang berühren, ohne dass beide Seiten ahnen, wie lange dieser eine Duft in einer von ihnen weiterleben wird. Wer diesem Gefühl noch weiter nachspüren möchte, findet in den Zuständen von Ombra Celeste eine Fortsetzung dieses Moments, und in Ricordo Vivo eine Möglichkeit, genau solche Erinnerungen an einen einzelnen Duft festzuhalten. Wer die Geschichten hinter solchen Momenten lieber hört als liest, findet sie auch im Voce-Podcast wieder.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.