Der erste Duft des Tages
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Ombra Celeste Magazin
Bevor der Tag beginnt, beginnt ein Duft. Und mit ihm alles andere.
Der erste Griff, bevor der Kopf wach ist
Noch bevor die Augen richtig geöffnet sind, findet die Hand am Waschbecken das vertraute Stück Seife, ohne hinzusehen, allein durch die Kante, an der es seit Wochen an derselben Stelle in der Ablage liegt. Ein Bergamottduft, herb und leicht bitter, mit einer feinen, fast grünen Süße darunter, die sich erst nach dem zweiten Atemzug wirklich zeigt. Der Körper reagiert auf diesen Duft schneller, als der Verstand ihn benennen könnte.
Das Wasser läuft noch kalt aus dem Hahn, für ein paar Sekunden, bevor es warm wird, aber die Seife wird trotzdem schon eingeschäumt, unter kaltem Wasser, aus reiner Gewohnheit, nicht aus Kalkül. Der erste Schaum riecht intensiver als der Rest des Waschvorgangs, konzentrierter, bevor er sich mit dem Wasser verdünnt. Genau dieser erste, kurze Moment ist es, der jeden Morgen aufs Neue etwas auslöst, das sich schwer in Worte fassen lässt.
Der Spiegel über dem Waschbecken ist noch leicht beschlagen von der Dusche des Vorabends, das eigene Gesicht darin nur schemenhaft zu erkennen, eine vage Kontur, die sich erst nach dem Abtrocknen der Hände schärfer zeigt. In diesem unscharfen Moment, kurz nach dem ersten Duftkontakt, ist der Tag noch vollständig unbeschrieben, ohne Termine, ohne Erwartungen, nur dieser eine, sehr konkrete Geruch, der alles andere für einen Moment verdrängt.
Die Verpackung der Seife, ein schlichtes, leicht vergilbtes Papier mit einem handschriftlich wirkenden Schriftzug, liegt seit Wochen im Mülleimer, aber der Duft selbst hat sich längst von der Verpackung gelöst und ist zu etwas geworden, das nur noch mit dem Morgen selbst verbunden ist, nicht mehr mit der Marke oder dem Geschäft, in dem die Seife gekauft wurde.
Ein zweiter Griff folgt fast automatisch, zur Zahnbürste, zur Zahnpasta mit ihrem eigenen, deutlich schärferen Minzgeruch, der sich für einen kurzen Moment mit dem Bergamottduft der Seife überschneidet, zwei völlig unterschiedliche Register, die trotzdem irgendwie zusammengehören, weil sie in derselben kurzen Zeitspanne auftreten, jeden Morgen aufs Neue, in exakt derselben Reihenfolge.
Draußen vor dem Badezimmerfenster beginnt es gerade erst hell zu werden, ein mattes, noch nicht ganz entschiedenes Licht, das durch den Vorhang fällt und die Kacheln in einen leicht bläulichen Ton taucht. Der Bergamottduft der Seife wirkt in diesem Licht fast wärmer, als er eigentlich ist, ein kleiner, olfaktorischer Widerspruch zur Kühle des frühen Morgens, der aber genau deshalb so verlässlich funktioniert.
Ein Handtuch, immer dasselbe, hängt griffbereit am Haken neben dem Waschbecken, ebenfalls mit einer eigenen, viel schwächeren Duftnote, Waschmittel, das sich mit der Zeit fast vollständig verflüchtigt hat, bis nur noch eine kaum wahrnehmbare Ahnung davon übrig ist, die sich mit dem Bergamottgeruch der Hände zu etwas Drittem vermischt, sobald das Gesicht kurz darin vergraben wird.
Diese ersten neunzig Sekunden am Waschbecken, mehr sind es selten, folgen keiner bewussten Entscheidung. Niemand überlegt morgens, welche Seife heute benutzt werden soll. Der Griff geschieht, bevor der Gedanke daran überhaupt Zeit hätte, sich zu formen, ein Ablauf, der sich über Monate so eingeschliffen hat, dass er inzwischen eher zum Körper gehört als zu einer bewussten Handlung.
Ein Nachbar im selben Treppenhaus, mit dem gelegentlich ein paar Worte über den Wasserdruck oder die Heizungsanlage gewechselt werden, hat einmal erwähnt, dass er morgens grundsätzlich zuerst das Fenster öffne, noch vor jedem Kontakt mit Wasser oder Seife, ein völlig anderes erstes Ritual, das ihm offenbar genauso selbstverständlich vorkommt wie der Griff zur Bergamottseife im eigenen Bad. Solche kleinen, unterschiedlichen Reihenfolgen zeigen, wie viele verschiedene Versionen desselben Grundbedürfnisses nach einem festen ersten Schritt in unmittelbarer Nachbarschaft nebeneinander existieren, ohne dass sich jemand darüber wundern würde.
Ein Stück Seife, das schon zur Hälfte aufgebraucht ist
Das Stück selbst ist inzwischen deutlich kleiner als beim Kauf, an einer Seite abgeflacht, dort, wo es am häufigsten über die Hände gleitet, mit feinen Rissen an den Rändern, die sich mit jeder Woche etwas weiter ausbreiten. Es liegt seit dem ersten Tag in derselben kleinen Keramikschale neben dem Wasserhahn, einer Schale mit einem Loch im Boden, das überschüssiges Wasser abfließen lässt, damit das Stück nicht in einer Wasserlache aufweicht und vorzeitig zerfällt.
Die Farbe hat sich seit dem Kauf leicht verändert, von einem satten, fast bernsteinfarbenen Ton zu einem etwas blasseren Gelb, ausgebleicht durch das Licht, das jeden Morgen kurz durch das Badezimmerfenster auf die Ablage fällt. Der Duft selbst hat davon kaum gelitten, er ist eher konzentrierter geworden, seit das Stück kleiner ist, weil auf derselben, jetzt kleineren Fläche verhältnismäßig mehr Duftstoff pro Kontaktfläche mit der Haut in Berührung kommt.
Irgendwann, in ein bis zwei Wochen, wird dieses Stück endgültig zu klein sein, um es noch bequem in der Hand zu halten, und wird durch ein neues aus derselben Serie ersetzt werden, das dann wieder von vorn beginnt, größer, fester, mit demselben satten Ausgangston, den das jetzige Stück längst verloren hat. Dieser Übergang geschieht meist unauffällig, ohne dass ihm besondere Aufmerksamkeit gewidmet würde, ein neues Stück ersetzt das alte, und der morgendliche Ablauf setzt sich unverändert fort.
Manchmal wird das letzte, sehr kleine Reststück nicht sofort weggeworfen, sondern noch ein paar Tage länger benutzt, bis es fast durchsichtig dünn geworden ist, weil der Gedanke, ein noch teilweise nutzbares Stück Seife zu entsorgen, unangenehmer wirkt als die kleine Unbequemlichkeit, ein zu kleines Stück zwischen den Fingern zu halten. Erst wenn es beim Einschäumen fast vollständig zerfällt, wandert der Rest endgültig in den Mülleimer.
Der Hersteller dieser bestimmten Seife wurde nie bewusst ausgewählt, sondern ist eher zufällig zum festen Bestandteil des Morgens geworden, nach einem einzigen Kauf vor einiger Zeit, bei dem eigentlich eine andere Sorte im Regal gesucht wurde, die an diesem Tag ausverkauft war. Der Zufall dieses einen Griffs im Geschäft hat sich seitdem zu einer festen Gewohnheit verhärtet, an der inzwischen kaum noch gerüttelt wird, obwohl der ursprüngliche Kauf reiner Zufall war.
Was der Duft auslöst, bevor der Kopf mitkommt
Der Bergamottduft erreicht das Gehirn auf einem kürzeren Weg als fast jeder andere Sinneseindruck des Morgens, direkt über die Riechschleimhaut, ohne den Umweg über bewusste Verarbeitung, den etwa das Betrachten der Uhrzeit oder das Lesen einer ersten Nachricht auf dem Handy nehmen müsste. Der Körper reagiert, bevor der Verstand überhaupt registriert hat, worauf er reagiert. Diese direkte Verschaltung zwischen Riechhirn und älteren, emotionalen Gehirnregionen erklärt vermutlich auch, warum ausgerechnet Gerüche oft weit zuverlässiger wirken als visuelle oder akustische Reize, wenn es darum geht, einen bestimmten inneren Zustand zuverlässig auszulösen.
Ein Wecker, der jeden Morgen zur gleichen Zeit klingelt, erzeugt über die Wochen eine gewisse Abstumpfung, das Geräusch wird zunehmend automatisch weggedrückt, ohne dass es noch eine echte Reaktion auslöst. Der Bergamottduft dagegen scheint sich dieser Abstumpfung erstaunlich zu widersetzen, er wirkt auch nach Monaten noch fast genauso deutlich wie am ersten Tag, ein Umstand, der sich mit der reinen Gewöhnungstheorie kaum vollständig erklären lässt.
Diese Reaktion zeigt sich zuerst als eine Art leichtes Aufrichten, ein minimaler Wechsel in der Körperhaltung, kaum sichtbar, aber spürbar, als würde der Duft selbst eine stille Anweisung geben, jetzt wirklich wach zu werden, ohne dass diese Anweisung mit Worten verbunden wäre. Der Atem verändert sich leicht, wird für ein paar Sekunden bewusster, bevor er wieder in seinen gewohnten, unbewussten Rhythmus zurückfällt.
Was diesen einen Duft von anderen morgendlichen Gerüchen unterscheidet, dem Kaffee, der später folgt, dem Toast, der noch später duftet, ist seine Position ganz am Anfang, bevor irgendetwas anderes den Tag geprägt hat. Er trifft auf einen noch völlig unbeschriebenen Zustand, ohne Konkurrenz durch andere Sinneseindrücke, und genau deshalb hinterlässt er eine Spur, die sich später kaum wieder löschen lässt, selbst wenn der restliche Morgen völlig anders verläuft.
An Tagen, an denen die Seife aus irgendeinem Grund fehlt, weil die letzte Packung aufgebraucht ist und noch keine neue besorgt wurde, fällt der ganze restliche Morgen spürbar anders aus, nicht dramatisch, aber merklich, als würde ein kleiner, notwendiger erster Schritt einfach übersprungen. Die Ersatzseife aus dem Gästebad, mit ihrem neutraleren, unauffälligeren Duft, erfüllt zwar denselben praktischen Zweck, löst aber nicht dieselbe Reaktion aus.
Diese Differenz lässt sich schwer erklären, ohne sie mystischer klingen zu lassen, als sie eigentlich ist. Es handelt sich vermutlich schlicht um eine über viele Wochen und Monate aufgebaute Verknüpfung zwischen einem sehr spezifischen Geruch und dem Zustand des Aufwachens selbst, eine Verknüpfung, die sich nicht bewusst herstellen lässt, sondern nur durch schlichte, tägliche Wiederholung.
Der Bergamottduft trägt dabei keine bestimmte Erinnerung in sich, kein einzelnes, benennbares Ereignis, an das er gekoppelt wäre. Er ist eher mit einem Zustand verbunden als mit einem Moment, mit der Übergangsphase zwischen Schlaf und vollem Wachsein, die jeden Tag aufs Neue durchlaufen wird und die durch diesen Geruch spürbar kürzer und weniger mühsam wird, als sie es ohne ihn wäre.
Parfümeure, die professionell mit Duftkompositionen arbeiten, sprechen bei Bergamotte oft von einer sogenannten Kopfnote, jenem ersten, flüchtigen Eindruck eines Duftes, der sich innerhalb weniger Minuten wieder verflüchtigt und einer tieferen, länger anhaltenden Basisnote Platz macht. Bei dieser einen Morgenseife bleibt jedoch überraschenderweise gerade diese Kopfnote am längsten im Gedächtnis haften, obwohl sie objektiv betrachtet die kürzeste Lebensdauer aller Duftschichten hat, vermutlich weil sie exakt in jenen Sekunden wirkt, in denen die Wahrnehmung am empfänglichsten ist.
Ein Gedanke, der sich mit ähnlichen körperlichen Reaktionen auf wiederkehrende Rituale beschäftigt, findet sich auch in Rituale, die sich selbst erschaffen, ohne unser Zutun, wo beschrieben wird, wie sich bestimmte Handlungen über Zeit so tief einschreiben, dass sie kaum noch als bewusste Entscheidung wahrgenommen werden.
Auch das Verhältnis zwischen Abend und Morgen lässt sich an diesem einen Duft ablesen. Während der Abend, wie in Wenn der Abend nach Dir klingt, das Ritual der sanften Heimkehr beschrieben, eher vom Ablegen und Loslassen geprägt ist, markiert dieser eine morgendliche Duft das genaue Gegenteil, den ersten, kleinen Akt des Wiederanknüpfens an einen neuen Tag, der noch keine Form hat.
Ich merke es besonders an Reisetagen
Ich merke diesen Unterschied besonders deutlich auf Reisen, wenn ich in einem Hotelzimmer aufwache und die dort bereitgestellte Seife greife, meist ein kleines, in Papier eingeschlagenes Stück mit einem völlig anderen, oft künstlicheren Duft. In diesen Momenten fehlt mir der Bergamottduft spürbar, nicht als großer Verlust, aber als kleine, spürbare Lücke im gewohnten Ablauf, die den ganzen restlichen Morgen ein wenig fremder wirken lässt, als er es zu Hause wäre.
Einmal habe ich versucht, die Seife selbst mit auf eine mehrtägige Reise zu nehmen, in einer kleinen Plastikdose, extra dafür gekauft. Der Duft war derselbe, das Ritual dem äußeren Ablauf nach identisch, und doch fühlte es sich in dem fremden Badezimmer, mit anderem Licht, anderen Fliesen, anderem Wasserdruck, nicht ganz gleich an. Offenbar gehört der Duft nicht allein für sich, sondern nur im Zusammenspiel mit dem eigenen, vertrauten Bad wirklich zu diesem Morgenritual.
Bei einer anderen Reise, diesmal ohne die mitgenommene Seife, weil ich die kleine Dose schlicht vergessen hatte, habe ich mich dabei ertappt, wie ich am zweiten Morgen in einem völlig fremden Hotelbad kurz irritiert nach der gewohnten Keramikschale gesucht habe, bevor mir einfiel, dass sie hier gar nicht existiert. Diese kurze, fast komische Verwirrung hat mir deutlicher als alles andere gezeigt, wie tief sich ein so kleines Ritual tatsächlich eingeschrieben hat, tiefer, als ich es mir selbst zugetraut hätte.
Der Laden, in dem sie gekauft wird
Die Seife stammt aus einem kleinen Geschäft in der Innenstadt, kaum breiter als ein Flur, mit Holzregalen bis zur Decke, auf denen Seifenstücke nach Duftfamilien sortiert liegen, Zitrusnoten links, holzige und erdige Düfte rechts, dazwischen ein schmaler Tisch mit Probestücken, an denen Kunden vor dem Kauf riechen können, ohne die Verpackung öffnen zu müssen. Der Inhaber, ein älterer Mann mit ruhiger Stimme, kennt viele seiner Stammkunden inzwischen an ihrem bevorzugten Duft, ohne dass sie ihren Namen nennen müssten.
Beim letzten Nachkauf hat er beiläufig erwähnt, dass diese bestimmte Bergamottseife aus einer kleinen Manufaktur in Süditalien stammt, die nur wenige Sorten in begrenzten Mengen produziert, ohne große Marketingkampagnen, fast ausschließlich über den Kontakt zu einer Handvoll unabhängiger Läden wie diesem einen. Diese Information hat am eigentlichen morgendlichen Ritual nichts verändert, aber sie hat dem kleinen Stück Seife in der Keramikschale eine zusätzliche, kaum sichtbare Geschichte gegeben, die beim Einschäumen der Hände nicht bewusst mitschwingt, aber im Hintergrund trotzdem präsent ist.
Der Laden selbst duftet beim Betreten nach einer Mischung aus allen dort geführten Seifen gleichzeitig, ein Geruchsgewirr, das sich erst nach ein paar Minuten in einzelne, unterscheidbare Noten auflöst, sobald man sich bewusst einer bestimmten Sorte zuwendet. Diese Erfahrung im Laden unterscheidet sich grundlegend von der klaren, einzelnen Wahrnehmung zu Hause am Waschbecken, wo derselbe Duft ohne jede Konkurrenz auf die Sinne trifft, konzentriert und unvermischt.
Ein Regal weiter hinten im Laden zeigt Rasierseifen, Bartöle und andere, traditionellere Pflegeprodukte, deren Kundschaft sich deutlich von jener unterscheidet, die vorne an den Duftseifen verweilt. Zwischen beiden Bereichen liegt eine unsichtbare Grenze, an der sich Kunden selten lange aufhalten, als wüssten die meisten instinktiv, in welchem der beiden Bereiche ihr eigenes morgendliches Ritual zu Hause beginnt.
Vier bis fünf Mal im Jahr wird ein neuer Vorrat gekauft, meist gleich zwei oder drei Stücke auf einmal, um nicht zu oft in den Laden zurückkehren zu müssen, obwohl der Besuch selbst nie als Last empfunden wird. Diese Stücke werden zu Hause in einer Schublade aufbewahrt, noch vollständig eingepackt, bis das aktuelle Stück in der Keramikschale endgültig zu klein geworden ist und ersetzt werden muss. Das Papier, in das jedes einzelne Stück eingeschlagen ist, verströmt schon vor dem Öffnen einen schwachen, aber erkennbaren Hauch desselben Duftes, der sich mit der Zeit sogar leicht auf die anderen Gegenstände in derselben Schublade überträgt, ein Handtuch etwa, das dort zwischengelagert wurde, oder eine Packung Wattestäbchen, die seitdem einen kaum merklichen Bergamotteinschlag trägt.
Was fehlt, wenn der Duft einmal fehlt
Der Bergamottduft ist mit der Zeit zu etwas geworden, das man am ehesten vermisst, wenn es fehlt, nicht, weil man es aktiv sucht, während es da ist. An normalen Morgen fällt kaum auf, wie sehr sich der ganze restliche Tagesanfang um diesen einen kurzen Moment am Waschbecken herum organisiert, bis genau dieser Moment einmal ausfällt und ein spürbares Ungleichgewicht hinterlässt.
Eine leere Seifenschale, die auf Nachschub wartet, sieht dabei nicht dramatisch anders aus als eine mit Seife gefüllte, und doch verändert ihre Leere den ganzen Ablauf des Morgens. Der Griff geht ins Leere, bevor der Verstand registriert, dass die gewohnte Handlung heute anders ausfallen muss. Aus dieser kleinen Verzögerung entsteht ein winziger Bruch im sonst reibungslosen Ablauf, kaum spürbar, aber doch vorhanden.
Ein Ersatz, egal wie hochwertig, kann diese Lücke selten sofort füllen. Selbst eine neue Seife mit einem ähnlichen, aber nicht identischen Duft, etwa mit einer stärkeren Zitrusnote statt der gewohnten Bergamotte, wirkt in den ersten Tagen fremd, bis sich der Körper an das neue Duftprofil gewöhnt hat, was selten weniger als ein bis zwei Wochen dauert, unabhängig davon, wie ähnlich die beiden Düfte auf dem Papier erscheinen.
Diese Empfindlichkeit gegenüber kleinen Abweichungen zeigt, wie präzise sich ein Morgenritual über Zeit in den Körper einschreibt, präziser vermutlich, als es sich bewusst nachvollziehen ließe. Niemand könnte den genauen Duft der eigenen Morgenseife exakt beschreiben, ohne sie tatsächlich zu riechen, und doch erkennt derselbe Körper eine kleine Abweichung sofort, noch bevor der Verstand sie benennen kann.
Diese Genauigkeit lässt sich schwer mit Worten überprüfen, aber leicht mit einem einfachen Test: Zwei sehr ähnliche Duftseifen, blind nacheinander gerochen, ohne Verpackung, ohne Etikett, lassen sich von jemandem, der eine davon täglich benutzt, meist innerhalb von Sekunden unterscheiden, während eine Person ohne diese tägliche Gewöhnung oft ratlos bleibt und beide für nahezu identisch hält. Der Unterschied liegt nicht in der Nase selbst, sondern in der über Monate aufgebauten Vertrautheit mit genau diesem einen, sehr spezifischen Duftprofil, einer Vertrautheit, die sich mit keinem noch so geschulten Riechvermögen ersetzen lässt, sondern nur durch schlichte, tägliche Wiederholung entsteht.
Am Ende eines Urlaubs, wenn die eigene Wohnung und das eigene Bad wieder erreicht sind, ist es oft genau dieser erste morgendliche Griff zur vertrauten Seife, an dem sich das Gefühl des Angekommenseins zuerst festmacht, noch bevor der eigentliche Alltag mit seinen Terminen und Aufgaben wieder einsetzt. Ein Ritual, das dieses Ankommen von einer anderen Seite beschreibt, findet sich in Das Abendritual des Ankommens, dort mit Blick auf den Abend statt auf den frühen Morgen.
Vielleicht liegt der eigentliche Wert eines solchen Morgenrituals gerade darin, dass es so klein und so unauffällig ist, dass es sich weder erklären noch besonders feiern lässt, und trotzdem jeden Morgen aufs Neue den ersten, kleinen Übergang trägt, zwischen Schlaf und Tag, zwischen Unbestimmtheit und den ersten festen Konturen dessen, was noch bevorsteht.
Ein weiterführender Gedanke zu genau dieser Art von unscheinbaren, aber tragenden Alltagsmomenten findet sich in Zustände, wo verschiedene solcher stillen Übergänge gesammelt beschrieben werden, sowie in Ricordo Vivo, das sich mit der Frage beschäftigt, wie sinnliche Eindrücke zu lebendigen Erinnerungen werden, lange bevor man sich bewusst an sie erinnert.
Wer diesen Gedanken noch weiterverfolgen möchte, findet in Voce eine gesprochene Auseinandersetzung mit ähnlichen Übergangsmomenten des Alltags, in denen kleine, wiederkehrende Handlungen mehr Gewicht tragen, als ihre bloße Kürze vermuten ließe.
La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.