Langer, scharf gezeichneter Menschenschatten auf heller Betonfläche im warmen Abendlicht, hohe Perspektive, ruhige Fläche ohne sichtbare Person.

Der kleinere Kreis

Ombra Celeste Magazin


Nähe braucht kein Publikum.

Die Pfanne

Das Fett wird gerade heiß genug, als draußen ein Fahrrad über das Kopfsteinpflaster ruckelt, ein kurzes, metallisches Klappern, das durch das gekippte Fenster hereinkommt und wieder verschwindet, bevor man wirklich hinhören kann. In der Pfanne liegen zwei Stücke Fisch, nicht vier, nicht sechs, genau zwei, und der Zwiebelduft, der sich langsam mit dem Rosmarin mischt, füllt die Küche auf eine Weise, die früher, bei größeren Mengen, gar nicht möglich gewesen wäre, weil der Dunst aus vier Pfannen gleichzeitig alles überlagert hätte, bis am Ende nur noch der Geruch von Hitze selbst übrigblieb, nicht mehr der einzelnen Zutaten.

Auf der Anrichte steht ein Glas Wein, zur Hälfte getrunken, daneben ein Radio, das leise läuft, kein bestimmter Sender, nur ein Hintergrundgeräusch, das man eingeschaltet hat, ohne wirklich zuzuhören. Die Herdplatte wärmt die halbe Küche, und durch das Fenster fällt das letzte Licht des Tages in einem schrägen, orangefarbenen Streifen genau auf die Arbeitsfläche, wo das Schneidebrett mit den Resten von Petersilie liegt, kleine grüne Punkte auf hellem Holz.

Zwei Teller stehen bereit, einfach nebeneinander, kein Stapel in einer langen Reihe wie an manchen Abenden früher, mit genug Abstand, dass man sie ohne Eile anrichten kann, ohne dass ein Löffel gegen das Nachbargeschirr stößt. Es gibt kein Rennen gegen die Zeit, kein gleichzeitiges Warmhalten von acht verschiedenen Beilagen, während irgendwo im Flur schon die Türklingel geht. Es gibt nur diesen einen Fisch, dieses eine Gemüse, das in einem zweiten Topf leise vor sich hin köchelt, und die Gewissheit, dass in zehn Minuten genau zwei Menschen an diesem Tisch sitzen werden.

Ein Küchenmesser klappert gegen die Arbeitsfläche, als es zur Seite gelegt wird, ein Geräusch, das man kaum bewusst wahrnimmt und das trotzdem zu diesem Moment gehört wie das Zischen des Öls oder das ferne Rattern der Straßenbahn zwei Straßen weiter. Draußen wird es dunkler, ein Nachbar zieht seine Rollläden herunter, das vertraute, kurze Rasseln, das man seit Jahren aus derselben Richtung kennt, ohne den Nachbarn je näher kennengelernt zu haben.

Die Zwiebeln haben inzwischen Farbe angenommen, ein sattes Goldbraun, das genau den Punkt erreicht hat, an dem man sie von der Hitze nehmen muss, bevor sie bitter werden. Diese Aufmerksamkeit für einen einzigen Topf, ungeteilt, ist etwas, das sich erst über die letzten Jahre eingestellt hat. Früher wanderte der Blick ständig zwischen mehreren Kochstellen hin und her, immer in der Sorge, dass irgendwo etwas anbrennt, während man an anderer Stelle gerade eine Soße abschmeckt. Heute bleibt der Blick, wo er hingehört, bei genau dem, was gerade in der Pfanne liegt.

Aus dem Wohnzimmer kommt ein kurzes Lachen, gedämpft durch die halb geschlossene Tür, jemand hat offenbar etwas auf dem Handy gesehen, das ihn amüsiert, ein kleiner, beiläufiger Laut, der die Küche für einen Augenblick mit hereinfüllt, ohne dass man wissen müsste, worüber genau gelacht wurde. Solche Laute, unbeachtet und ohne Erklärung, ergeben zusammengenommen den größten Teil dessen, was einen Abend zu Hause tatsächlich ausmacht, weit mehr als die eigentliche Mahlzeit selbst.

Der Fisch braucht noch zwei Minuten, das Gemüse ist bereits fertig und wird vom Herd genommen, während draußen endgültig die Dämmerung einsetzt und die Küchenlampe, bisher überflüssig, plötzlich den Raum in ein wärmeres, gelbliches Licht taucht. Auf dem Tisch nebenan liegt noch das Buch von gestern, aufgeschlagen an derselben Stelle, ein Lesezeichen, das eigentlich nicht gebraucht wird, weil die Seite ohnehin jeden Abend gefunden wird.

Es ist ein gewöhnlicher Donnerstag, kein besonderes Datum, kein Anlass, der diesen Abend rechtfertigen müsste. Genau das macht ihn zu dem, was er ist: der eigentliche Grundton der Woche, auf den sich alles andere, die selteneren, volleren Abende eingeschlossen, nur noch bezieht.

Zwei Teller sind keine kleine Zahl. Sie sind genau die richtige.

Die Pfanne wird vom Herd gezogen, ein letztes Zischen, dann Stille, in die hinein plötzlich die Stimme aus dem Wohnzimmer ruft, ob es bald so weit sei, mit einem Tonfall, der nach fünfunddreißig Jahren keiner weiteren Worte mehr bedarf, um verstanden zu werden.

Der Rhythmus zweier Teller

Beim Anrichten fällt auf, wie genau die Bewegungen inzwischen sitzen, ein Griff zum Gemüse, ein Griff zum Fisch, ein kurzes Klopfen der Pfanne gegen den Tellerrand, damit auch das letzte Stück löst. Diese Choreografie hat sich nicht bewusst eingeübt, sie hat sich über eine lange Zeit hinweg von selbst gefunden, so wie sich zwei Menschen, die seit fünfunddreißig Jahren gemeinsam kochen und essen, irgendwann nicht mehr absprechen müssen, wer welchen Handgriff übernimmt.

Am Anfang, in den ersten gemeinsamen Wohnungen, war das anders gewesen, ein ständiges Aneinandervorbeikommen in engen Küchen, ein Ellenbogen hier, ein Topfdeckel dort, begleitet von kleinen, halb ernsten Streitereien darüber, wer zuständig war für die Kartoffeln und wer für die Soße. Diese Reibung war kein Zeichen von Unverträglichkeit gewesen, eher der Anfang eines Prozesses, bei dem zwei getrennte Gewohnheiten sich langsam zu einer einzigen zusammenfügten, mit vielen kleinen, fast unmerklichen Anpassungen auf beiden Seiten.

Es gab eine Phase mittendrin, in der diese Küche voller war, in der ein drittes, dann ein viertes Gedeck dazukam, in der abends öfter jemand am Tisch saß, der nicht zur Kernfamilie gehörte, ein Kollege, ein Nachbar, ein Freund, der spontan hereinschneite. Diese Phase hatte ihre eigene, laute Energie, und sie wird nicht vermisst im Sinne eines Mangels, sie liegt einfach hinter einem, wie eine bestimmte Wohnung, in der man einmal gelebt hat und in die man nicht zurückkehren möchte, obwohl man sich gern an sie erinnert.

Am Tisch setzt sie sich, die Frau, mit der man seit fünfunddreißig Jahren verheiratet ist, auf ihren angestammten Platz, mit dem Rücken zum Fenster, eine Position, die sie schon damals in der ersten gemeinsamen Wohnung bevorzugt hatte, aus Gründen, die nie ausdrücklich besprochen wurden und die inzwischen auch niemand mehr hinterfragt. Man setzt sich gegenüber, wie immer, und für einen kurzen Moment, bevor das erste Wort fällt, sitzt man sich einfach nur an, mit einer Vertrautheit, die keine Erklärung braucht und die sich nicht in einem einzelnen Satz zusammenfassen lässt, ohne dabei kleiner zu werden, als sie tatsächlich ist.

Das Gespräch, das folgt, ist unspektakulär, ein Kommentar zum Fisch, eine Bemerkung über die Nachbarn, eine kurze Erwähnung dessen, was am nächsten Tag ansteht. Es ist kein Gespräch, das irgendjemand außerhalb dieser beiden Personen interessant finden würde, und genau darin liegt seine eigentliche Qualität: Es muss niemanden sonst überzeugen, es muss nicht unterhaltsam sein für ein Publikum, das es gar nicht gibt. Es ist Sprache, die sich ausschließlich an den anderen richtet, ohne Umweg.

Ein Gespräch, das niemanden überzeugen muss, darf einfach wahr sein.

In „Über das Vergnügen, nichts zu planen" wurde beschrieben, wie viel Ruhe darin liegt, einen Abend nicht vorab bis ins Letzte zu strukturieren. Genau dieses Prinzip zeigt sich hier im Kleinen: Es gibt keinen Ablaufplan für dieses Abendessen, keine Rollenverteilung, die neu ausgehandelt werden müsste, nur ein eingespielter Rhythmus, der so selbstverständlich geworden ist, dass er gar nicht mehr als Rhythmus auffällt. Er ist einfach das, was man tut, wenn es Abend wird.

Zwischen zwei Bissen erzählt sie von einem Telefonat mit einer alten Freundin, die sie seit Jahren nicht gesehen hat, die aber offenbar demnächst in der Stadt sein wird. Man hört zu, ohne viel zu sagen, während sich im Kopf schon die Frage formt, ob man diese Freundin noch von früher kennt, von einem der volleren Abende, an denen so viele Namen und Gesichter zusammenkamen, dass sich manche im Rückblick zu vermischen beginnen.

Bei genauerem Hinsehen ist dieser Moment kein Verlust, sondern eher eine Verdichtung. Zwei Menschen, ein Tisch, ein Fisch, ein Glas Wein, und ein Gespräch, das seine ganze Aufmerksamkeit ungeteilt bekommt, weil es nicht mit sechs anderen Gesprächen um denselben Raum konkurrieren muss. Diese Verdichtung hat einen eigenen, sehr spezifischen Wert, der sich schwer beschreiben lässt, ohne ihn zu banalisieren.

Nach dem Essen bleibt das Geschirr noch kurz stehen, niemand räumt sofort ab, es gibt keinen Grund zur Eile, keine weiteren Gäste, die in einer halben Stunde eintreffen und einen aufgeräumten Tisch erwarten würden. Dieser Aufschub, dieses bewusste Nichtstun zwischen Essen und Abwasch, ist eine der kleinen Freiheiten, die sich erst mit der Zeit eingestellt haben, unauffällig, fast beiläufig, aber spürbar, wenn man kurz innehält und sie bemerkt.

Der Balkon

Bevor der Tee aufgesetzt wird, tritt man kurz hinaus auf den schmalen Balkon, nur für ein paar Minuten, ohne Jacke, weil die Luft noch mild genug ist für diese Jahreszeit. Unten im Hof brennt eine einzelne Laterne, ihr Licht fällt schräg auf das nasse Kopfsteinpflaster, das vom frühen Regen des Nachmittags noch glänzt, obwohl es seit Stunden trocken ist. Ein Fenster im gegenüberliegenden Haus ist erleuchtet, jemand bewegt sich dort hinter einem Vorhang, eine fremde, flüchtige Silhouette, die genauso schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist.

Früher war dieser Balkon kaum genutzt worden, ein Abstellplatz eher als ein Ort, an dem man sich aufhielt, weil drinnen immer genug los war, um jede zusätzliche Minute an der frischen Luft überflüssig erscheinen zu lassen. Mit sechs oder sieben Menschen am Tisch blieb selten Zeit für einen stillen Moment zu zweit, draußen, ohne dass gleich jemand nachfragte, wo man geblieben sei. Heute ist genau das Fehlen dieser Frage einer der kleinen, kaum benannten Vorteile geworden.

Man lehnt sich nebeneinander an das Geländer, nicht sprechend, für eine ganze Weile, während aus einer der unteren Wohnungen gedämpfte Musik heraufdringt, ein Klavierstück, das man nicht kennt, gespielt von jemandem, der offensichtlich noch übt, mit kleinen, immer wiederkehrenden Fehlern an derselben Stelle. Dieses beharrliche, unperfekte Üben hat etwas Beruhigendes, eine Erinnerung daran, dass die meisten Dinge im Leben nicht auf Anhieb gelingen und trotzdem wert sind, wiederholt zu werden.

In „Abendritual des Ankommens" wurde beschrieben, wie ein einzelner, kurzer Moment am Ende des Tages oft mehr trägt als eine ganze durchgeplante Feier. Dieser stille Blick vom Balkon, ohne besonderen Anlass, ohne dass er in irgendeinem Kalender stünde, ist genau ein solcher Moment, der nicht danach verlangt, besonders zu sein, um es trotzdem zu werden.

Die Hand der Frau legt sich kurz auf den Unterarm, eine beiläufige Geste, die keine Worte braucht, und für einen Moment denkt man an einen ganz anderen Balkon, viele Jahre zurück, in einer ersten gemeinsamen Wohnung mit Blick auf eine Baustelle statt auf einen ruhigen Hof, an dem man genauso dagestanden hatte, jünger, unsicherer, aber mit derselben Art, sich schweigend nebeneinander aufzuhalten. Diese Erinnerung taucht auf und verschwindet wieder, ohne dass man ihr weiter nachhängt.

Das Klavierstück unten bricht plötzlich mitten im Takt ab, jemand hat offensichtlich aufgegeben oder ist unterbrochen worden, und die Stille, die danach entsteht, wirkt für einen Moment lauter als die Musik selbst. Man bemerkt, wie kühl die Luft inzwischen tatsächlich geworden ist, ein leichtes Frösteln an den Armen, das signalisiert, dass es Zeit wird, wieder hineinzugehen, auch wenn keiner von beiden den ersten Schritt machen will.

Drinnen wartet der Wasserkessel, noch nicht angeschaltet, und die Teebeutel liegen bereits neben zwei Tassen auf der Anrichte, vorbereitet, bevor man überhaupt nach draußen gegangen ist, eine kleine Routine, die sich von selbst versteht. Der Balkon bleibt hinter einem zurück, die Tür wird nicht ganz geschlossen, ein schmaler Spalt bleibt offen, durch den noch einmal das ferne Rauschen der Straße hereindringt, bevor auch das im Geräusch des kochenden Wassers untergeht.

Zurück in der Küche fällt der Blick noch einmal kurz auf den Tisch, an dem eben noch gegessen wurde, jetzt leer bis auf zwei Weingläser, die auf ihren Abwasch warten. Es ist dieser kurze, unspektakuläre Übergang zwischen draußen und drinnen, zwischen Schweigen und dem baldigen Klappern der Teetassen, der den Abend an dieser Stelle trägt, ohne dass irgendetwas davon geplant oder benannt worden wäre.

Das Klingeln

Der Wasserkessel hat gerade zu rauschen begonnen, da klingelt mitten in diese Ruhe hinein das Telefon, laut und unerwartet, auf dem Küchentisch liegend, wo es eigentlich lautlos geschaltet sein sollte. Auf dem Display steht ein Name, der seit Monaten nicht mehr aufgetaucht ist, ein ehemaliger Kollege, mit dem man früher regelmäßig Kontakt hatte und der sich seit einem missglückten gemeinsamen Projekt kaum noch gemeldet hat. Der erste Impuls ist, nicht ranzugehen, das Gespräch auf morgen zu verschieben, den Abend nicht zu unterbrechen.

Doch man nimmt ab, aus einer Mischung aus Neugier und einem leisen schlechten Gewissen, das man sich nicht ganz erklären kann. Die Stimme am anderen Ende klingt vertraut und fremd zugleich, mit einer Herzlichkeit, die echt wirkt, aber auch mit einer spürbaren Distanz, die sich in all der Zeit dazwischengeschoben hat. Es geht um eine Feier, eine Art Wiedersehen mit Menschen aus jener volleren Phase, von der eben noch die Rede war, und um die Frage, ob man kommen wolle.

In der Küche schaltet sich der Wasserkessel mit einem Klicken ab, während man mit dem Telefon am Ohr im Flur steht und zusagt, ohne lange nachzudenken, fast reflexhaft, wie man es früher immer getan hat. Erst als das Gespräch beendet ist und man zurück in die Küche kommt, meldet sich ein unbestimmtes Gefühl, das sich nicht sofort einordnen lässt, eine Mischung aus Vorfreude und einem leisen Unbehagen, dessen genaue Herkunft im Moment nicht ganz klar wird.

Sie fragt, den Tee schon aufgegossen, wer das gewesen sei, und die Antwort löst eine kurze, überraschend unentspannte Reaktion aus, ein Stirnrunzeln, ein knapper Kommentar darüber, dass dieser bestimmte Kollege sich all die Jahre nie gemeldet habe, außer jetzt, wo offenbar etwas organisiert werden müsse. In diesem Kommentar steckt mehr als nur eine beiläufige Bemerkung, ein alter, nie ganz ausgesprochener Vorbehalt, der plötzlich wieder an die Oberfläche kommt, unpassend zu diesem ruhigen Abend und trotzdem echt.

Man versucht, die Situation zu erklären, dass man einfach spontan zugesagt habe, ohne groß nachzudenken, aber die Erklärung klingt selbst beim Aussprechen dünner, als sie eigentlich sein sollte. Es entsteht eine kurze, unbequeme Pause in der Küche, kein offener Streit, aber auch keine sofortige Auflösung, eher ein Stehenbleiben bei etwas, das nicht ganz zusammenpasst: der Wunsch, alte Verbindungen nicht völlig zu verlieren, und gleichzeitig eine berechtigte Vorsicht gegenüber Menschen, die sich erst melden, wenn es ihnen selbst nützt.

Dieser kleine Riss im Abend wird nicht vollständig geglättet. Man einigt sich nicht wirklich, ob die Zusage richtig war oder nicht, das Thema wird stattdessen einfach zur Seite gelegt, mit einem knappen „wir sehen dann schon" und einem Wechsel zu einem anderen Gesprächsstrang, der weniger heikel ist. Es bleibt ein leiser Nachhall, eine offene Frage, die vermutlich erst am Tag der eigentlichen Feier eine Antwort finden wird, wenn überhaupt.

Interessant an diesem Moment ist, wie wenig er zu der Erzählung passt, die man sich selbst über diesen kleineren, ruhigeren Kreis zurechtgelegt hat. Er zeigt, dass auch die Vergangenheit mit ihren volleren, lauteren Jahren nicht einfach abgeschlossen ist, dass sie jederzeit unangemeldet klingeln kann, mitten in einem ruhigen Abendessen, und eine Reaktion verlangt, die nicht immer souverän und aufgeräumt ausfällt.

Der Tee hat inzwischen zu lange gezogen und schmeckt bitter, wird aber trotzdem getrunken, mit einer gewissen Sturheit, die keinen Kommentar braucht. Draußen ist es nun vollständig dunkel geworden, die Küchenlampe spiegelt sich schwach im Fenster, und für einen Moment sieht man das eigene Gesicht darin, älter, als man es sich selbst manchmal vorstellt, mit einem Ausdruck, der nicht ganz zu deuten ist.

Diese kleine Unstimmigkeit, dieser unaufgelöste Rest zwischen Zusage und Vorbehalt, wird an diesem Abend nicht mehr geklärt. Sie bleibt liegen, wie ein Gegenstand, den man auf den Tisch legt und für später aufhebt, ohne genau zu wissen, wann dieses Später eigentlich kommt.

Der Rest des Abends

Nach dem Telefonat dauert es eine Weile, bis das Gespräch wieder seinen ursprünglichen Ton findet, nicht abrupt, eher schrittweise, über ein paar belanglose Sätze über das Wetter, über einen Nachbarn, der neuerdings einen Hund hat, dessen Bellen man abends manchmal durch die Wand hört. Diese Themenwechsel wirken nicht aufgesetzt, sie sind der übliche Weg, auf dem ein kurzer Riss wieder zusammenwächst, ohne dass er ausdrücklich benannt werden müsste.

Der Abwasch wird schließlich doch erledigt, gemeinsam, ohne Absprache, ein Teller wandert von der einen Hand in die andere, ein kurzes Gerangel darum, wer das letzte Weinglas abtrocknet, halb ernst, halb scherzhaft. Diese kleine, wortlose Zusammenarbeit sagt mehr über die vergangenen fünfunddreißig Jahre aus als jedes ausformulierte Gespräch es könnte, ein Vertrauen in die Bewegungen des anderen, das keine Erklärung mehr braucht.

Nähe zeigt sich selten in Worten. Meistens in der Frage, wer das letzte Glas abtrocknet.

In „Das kleine Glück am Rand der Tage" wurde beschrieben, wie sich Freude oft genau in solchen beiläufigen, unspektakulären Momenten zeigt, nicht in den großen, geplanten Ereignissen. Der gemeinsame Abwasch an diesem Donnerstag gehört genau in diese Kategorie, ein Moment, der niemandem auffallen würde, der ihn von außen beobachtete, und der trotzdem zu den tragenden Säulen dieses gemeinsamen Alltags zählt.

Draußen, während das Wasser im Spülbecken rauscht, fährt noch einmal ein Fahrrad über das Kopfsteinpflaster, dasselbe metallische Klappern wie zu Beginn des Abends, vielleicht dieselbe Person, vielleicht jemand anderes, man kann es von hier aus nicht unterscheiden. Dieses Geräusch, das den Abend gerahmt hat, ohne dass man es geplant hätte, schließt einen Kreis, der nicht bewusst gezogen wurde und der trotzdem spürbar ist, wenn man kurz innehält.

Im Wohnzimmer brennt eine einzelne Lampe, warmes, gelbliches Licht, das den Raum kleiner wirken lässt, als er ist, auf eine angenehme, umschließende Weise. Auf dem Sofa liegt eine Decke, halb über die Armlehne geworfen, bereit für später, wenn man sich mit einer zweiten Tasse Tee dort niederlässt, ohne dass ein Fernseher oder ein Film unbedingt dazugehören müsste. Manchmal reicht es, einfach nebeneinanderzusitzen, mit einem Buch, das nicht wirklich gelesen wird, während der Blick immer wieder zum Fenster wandert.

Die Frage der Feier, zu der man vorhin spontan zugesagt hat, taucht noch einmal kurz auf, beiläufig, während frisches Wasser für eine zweite Kanne aufgesetzt wird, diesmal mit einem Blick auf die Uhr. Diesmal klingt der Ton versöhnlicher, fast neugierig, als hätte sich der erste, schärfere Reflex inzwischen abgeschwächt und Platz gemacht für eine vorsichtige Offenheit gegenüber dem, was diese Feier tatsächlich bringen könnte, gute wie schwierige Begegnungen gleichermaßen. Eine endgültige Klärung gibt es trotzdem nicht, nur eine Verschiebung des Tons, ohne dass die Sache damit wirklich erledigt wäre.

Die beiden Tassen, aus denen der Tee getrunken wird, gehören zu keinem Service mehr, das vollständig ist, eine mit einem feinen Sprung am Henkel, der seit Jahren hält, ohne dass die Tasse deshalb aussortiert worden wäre, die andere mit einem verblassten Muster, das sich kaum noch erkennen lässt. Früher, als noch für größere Runden gedeckt wurde, wären solche Tassen längst aussortiert worden, zu unpassend für ein einheitliches Bild am vollen Tisch. Heute spielt das keine Rolle mehr, es trinkt ohnehin niemand sonst mit, und die kleinen Makel sind zu etwas geworden, das man kaum noch bemerkt, weil man es so gut kennt.

Auf dem Küchentisch, jetzt leer geräumt, liegt nur noch das Buch von vorhin, an derselben Stelle wie immer, und daneben, ganz am Rand, das Telefon, diesmal tatsächlich lautlos geschaltet. Für den Rest des Abends wird es nicht mehr klingeln, aber die Gewissheit, dass es das jederzeit wieder tun könnte, mit einem Namen aus einer anderen, volleren Zeit, bleibt im Hintergrund bestehen, ohne dass sie den Moment auf dem Sofa im Mindesten stört.

Kurz vor dem Schlafengehen steht man noch einmal kurz in der Küche, das Licht bereits gelöscht bis auf einen schmalen Streifen aus dem Flur, und blickt auf den leeren Tisch, zwei Stühle, ein wenig zueinander verschoben, so wie sie eben zurückgeschoben wurden, ohne dass jemand sie noch einmal geradegerückt hätte. Von draußen ist inzwischen kein Fahrrad mehr zu hören, nur das ferne, gleichmäßige Rauschen einer Straße, die nie ganz zur Ruhe kommt.

Sie ruft aus dem Schlafzimmer, ob man auch bald komme, mit derselben unaufgeregten Selbstverständlichkeit wie schon zu Beginn des Abends, und man löscht das letzte Licht, streift im Vorbeigehen noch einmal mit der Hand über die Lehne des Stuhls, auf dem man eben noch gesessen hat, ein flüchtiger, fast unbewusster Gruß an einen Abend, der weder besonders groß noch besonders klein war. Er war genau der, der er sein sollte.


La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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