Breite, leere Außentreppe aus hellem Beton, frontal gesehen. Spätes, warmes Nachmittagslicht fällt flach über die Stufen und bildet ruhige, weiche Schatten in den Trittflächen.

Späte Stunden

Ombra Celeste Magazin


Der Tag verliert nichts. Er lässt nach.


Späte Stunden

Auf der Terrasse steht das Geschirr noch da, als die Sonne bereits hinter den Nachbargarten gesunken ist. Zwei Weingläser, ein halb leerer Brotkorb, eine Serviette, die vom Wind über die Tischkante gerutscht ist. Niemand räumt jetzt noch ab. Das Gespräch, das beim Essen noch lebhaft war, ist leiser geworden, die Sätze kürzer, die Pausen dazwischen länger, ohne dass das jemandem unangenehm wäre.

Die Wärme des Tages sitzt noch in den Steinplatten, spürbar an den nackten Füßen, während die Luft darüber schon merklich kühler geworden ist. Eine Mücke kreist um die halb heruntergebrannte Kerze in der Tischmitte, ohne dass jemand danach schlägt. Der Nachbarhund bellt einmal, kurz, dann ist es wieder still, nur das Zirpen aus der Hecke bleibt, gleichmäßig, fast wie ein Hintergrundgeräusch, das man irgendwann nicht mehr bewusst wahrnimmt, obwohl es die ganze Zeit über da war.

Ein Kind, das eigentlich längst hätte ins Bett gehen sollen, sitzt noch auf dem Schoß der Mutter und schläft dort halb ein, ohne dass jemand darauf drängt, es jetzt hochzutragen. Die Erwachsenen am Tisch sprechen über etwas Belangloses, ein Dach, das repariert werden müsste, ein Urlaub, der geplant, aber noch nicht gebucht ist, Themen, die tagsüber dringend gewirkt hätten und jetzt einfach nur da sind, ohne Eile.

Niemand am Tisch schaut auf die Uhr. Der Abend hat sich von der Zeit gelöst, nicht weil es spät wäre, sondern weil es in diesem Moment keinen Grund gibt, die Zeit überhaupt zu beachten. Die Kerze brennt weiter, tropft Wachs auf den Holztisch, den morgen jemand abkratzen wird, ohne sich heute Abend daran zu stören.

Der Wein in den Gläsern wird nicht nachgeschenkt, obwohl die Flasche noch halb voll auf dem Tisch steht. Niemand hat Lust, jetzt noch aufzustehen, um sie zu holen, aus der Küche, die nur wenige Schritte entfernt liegt, aber in diesem Moment weiter weg wirkt, als sie tatsächlich ist. Die Entfernung zwischen Sitzenbleiben und Aufstehen hat sich verändert, ohne dass sich am Tisch selbst etwas verschoben hätte.

Ein Nachbar, zwei Gärten weiter, mäht noch kurz den letzten Streifen Rasen, das Geräusch des Mähers dringt gedämpft herüber, verstummt nach einer Minute wieder. Niemand kommentiert es. Es gehört zu diesem Abend wie das Zirpen und das Wachs auf dem Tisch, ein Geräusch unter vielen, das nicht eingeordnet werden muss. Als der Mäher endgültig verstummt, bleibt für einen Moment eine auffällige Stille zurück, bevor die gewohnten Geräusche des Abends, das Zirpen, das entfernte Türenklappen irgendwo im Haus, sie wieder auffüllen.

Ein Schmetterling, verspätet für die Jahreszeit oder einfach durch die milde Abendluft noch aktiv, taumelt niedrig über den Rasen, setzt sich kurz auf die Armlehne eines leeren Gartenstuhls, fliegt weiter, bevor jemand ihn wirklich bewusst wahrgenommen hätte. Solche flüchtigen Erscheinungen prägen den Rand dieser Abende, ohne je zu ihrem eigentlichen Inhalt zu werden.

Irgendwann steht jemand doch auf, nicht um aufzuräumen, sondern um eine Jacke zu holen, weil die Kühle jetzt spürbar wird. Die anderen bleiben sitzen, ohne dass das als unhöflich empfunden würde. Der Tisch bleibt, wie er ist, das Brot, die Gläser, die Serviette, die inzwischen ganz auf dem Boden liegt, ohne dass jemand sie aufhebt.

Der Rauch vom Nachbargrill zieht in dünnen Fäden über die Hecke, kaum sichtbar im schwindenden Licht, aber deutlich zu riechen, Holzkohle und etwas Angebranntes, vermutlich Fleisch, das dort schon vor einer Stunde vom Rost genommen wurde. Solche Gerüche wandern an solchen Abenden ungehindert zwischen den Gärten hin und her, ohne dass sich jemand daran störte.

Was diesen Moment trägt, ist keine bestimmte Handlung, sondern das Fehlen einer. Niemand muss jetzt noch etwas erledigen. Der Tag hat seine Aufgaben hinter sich, und der Abend verlangt keine neuen. Die Terrasse hält diesen Zustand, ohne dass jemand ihn ausdrücklich benennen würde, einfach indem alle sitzen bleiben, länger, als ursprünglich geplant war.

Die Grillkohle im Nachbargarten glimmt noch nach, ein schwacher, oranger Schein, der durch die Hecke kaum zu sehen ist, aber deutlich zu riechen. Niemand am Tisch kommentiert diesen Geruch, er gehört einfach zum Abend, wie das Zirpen und das tropfende Wachs, ein weiteres Zeichen dafür, dass in der ganzen Straße ähnliche Tische ähnlich lange besetzt bleiben.

Eine Fledermaus zieht knapp über den Gartenzaun, verschwindet, taucht eine Minute später wieder auf, dieselbe Route, offenbar dieselbe Jagd nach denselben Insekten, die sich um die Kerze versammelt haben. Niemand am Tisch schreckt zurück, es ist zu spät im Jahr und zu oft gesehen, um noch als bemerkenswert zu gelten.

Balkon, kurz nach acht

Auf einem Balkon im dritten Stock liegt das Licht inzwischen so flach, dass es kaum noch über die Balkonbrüstung reicht. Die Blätter der Tomatenpflanze werfen lange, dünne Schatten auf den Betonboden, die sich mit jeder Minute ein Stück weiter verschieben, ohne dass es jemand bewusst verfolgen würde. Die Gießkanne steht noch dort, wo sie heute Mittag abgestellt wurde, halb voll.

Von der Straße dringt das Geräusch eines vorbeifahrenden Fahrrads herauf, das Klicken der Gangschaltung, dann wieder Stille. Ein Fenster im gegenüberliegenden Haus wird geöffnet, jemand lehnt sich kurz hinaus, schaut nirgendwohin Bestimmtes, zieht sich nach ein paar Sekunden wieder zurück. Solche kleinen, ziellosen Bewegungen häufen sich um diese Uhrzeit, in fast jedem Fenster der Straße.

Ich erinnere mich an einen bestimmten Augustabend auf genau diesem Balkon, an dem ich fast eine Stunde lang nichts weiter getan habe, als zuzusehen, wie das Licht von der gegenüberliegenden Fassade verschwand, zuerst vom obersten Stockwerk, dann Etage für Etage tiefer, bis nur noch ein schmaler oranger Streifen auf dem Dachfirst lag. Ich hatte nicht vorgehabt, so lange dort zu stehen, aber es gab keinen Moment, an dem es sich richtig angefühlt hätte, wieder hineinzugehen.

Die Luft trägt an solchen Abenden einen bestimmten Geruch, eine Mischung aus warmem Asphalt, der langsam auskühlt, und den Petunien in den Balkonkästen der Nachbarn, die erst jetzt, in der Kühle, wieder anfangen zu duften, nachdem die Mittagshitze ihren Geruch fast vollständig unterdrückt hatte.

Zwei Stockwerke tiefer klappert kurz Geschirr, jemand deckt spät den Tisch oder räumt ihn spät ab, das lässt sich von hier aus nicht unterscheiden. Ein Radio spielt leise, zu leise, um die Melodie zu erkennen, nur der Rhythmus dringt herauf, gleichmäßig, fast wie ein zweiter Herzschlag der Straße.

Die Tomatenpflanze bräuchte eigentlich noch etwas Wasser, aber die Gießkanne bleibt stehen, wo sie steht. Es ist nicht Faulheit, die davon abhält, ins Haus zu gehen, sondern etwas anderes, eine Art Widerwillen, den Blick auf die verschwindende Fassade jetzt zu unterbrechen, für eine Handlung, die auch noch morgen früh erledigt werden könnte.

Irgendwann ist das Licht auf der gegenüberliegenden Wand ganz verschwunden, ohne dass ein bestimmter Moment als der letzte hätte benannt werden können. Es war da, und dann war es nicht mehr da, ein Übergang, den man nur im Nachhinein als abgeschlossen erkennt, nie während er geschieht.

Aus einer der unteren Wohnungen dringt kurz Kinderlachen herauf, gedämpft durch ein geschlossenes Fenster, gefolgt von einer Stimme, die zur Ruhe mahnt, ohne dass das Lachen sofort verstummt. Solche Geräuschfetzen erreichen den Balkon in dieser Stunde besonders klar, weil der Verkehrslärm des Tages inzwischen fast vollständig abgeklungen ist.

Auf dem Nachbarbalkon wird eine Zigarette angezündet, kurz aufflackerndes Streichholzlicht, dann nur noch der rote Punkt, der in unregelmäßigen Abständen heller wird. Zwei, drei Sätze werden hinübergerufen, mehr Small Talk als Gespräch, bevor beide Seiten wieder in ihre eigene Stille zurückfallen, jeder auf seinem eigenen Balkon, durch nur eine Wand getrennt.

Ein Schwarm Stare zieht in dichter Formation über die Dächer, dreht kurz ab, formiert sich neu, verschwindet Richtung Westen, wo der Himmel noch einen letzten rötlichen Streifen zeigt. Solche Formationen erscheinen um diese Jahreszeit fast täglich, ohne dass sich jemand auf dem Balkon extra danach umsehen würde, sie gehören einfach zum Bild dieser Stunde.

Küche, kurz vor dem Schlafengehen

In der Küche brennt nur die kleine Lampe über dem Herd, das Deckenlicht ist längst ausgeschaltet. Ein Glas Wasser steht auf der Anrichte, halb ausgetrunken, für später gedacht, vielleicht für den Weg ins Bett. Die Spülmaschine läuft noch, ihr gleichmäßiges Rauschen füllt den Raum, ohne aufdringlich zu sein, eher wie ein Hintergrund, vor dem sich alles andere abspielt.

Jemand steht am Fenster, ohne wirklich hinauszuschauen, eher weil die Küche der letzte Raum ist, der noch beleuchtet bleibt, während im Rest der Wohnung schon Dunkelheit herrscht. Die Kühlschranktür wird kurz geöffnet, das Licht darin fällt für einen Moment hell auf den Boden, dann schließt sie sich wieder, und die Küche wird noch etwas dunkler, als sie es vorher war.

Draußen fährt in größeren Abständen noch ein Auto vorbei, die Scheinwerfer streifen kurz die Wand, wandern weiter, verschwinden. Zwischen zwei solchen Vorbeifahrten liegen manchmal mehrere Minuten, in denen die Straße vollkommen still bleibt, eine Stille, die tagsüber unvorstellbar wäre und die jetzt einfach zur Uhrzeit gehört.

Die Küchenuhr, deren Ticken tagsüber im allgemeinen Lärm untergeht, wird jetzt hörbar, ein gleichmäßiges, fast beruhigendes Geräusch, das erst auffällt, wenn sonst nichts mehr dazwischenfunkt. Niemand achtet bewusst darauf, wie spät es tatsächlich ist. Die Uhr läuft weiter, unabhängig davon, ob jemand sie liest.

Die Spülmaschine beendet ihren Zyklus mit einem kurzen Signalton, der in der Stille lauter wirkt, als er eigentlich ist. Niemand öffnet sie jetzt noch, um das Geschirr auszuräumen. Das kann warten, bis morgen früh, wenn ohnehin wieder Kaffee gekocht wird und die Küche einen neuen, helleren Tag beginnt.

Das letzte Licht wird schließlich gelöscht, nicht als bewusster Abschluss des Tages, sondern einfach, weil niemand mehr in der Küche etwas zu tun hat. Der Raum bleibt zurück, im Dunkeln, mit dem halb ausgetrunkenen Wasserglas auf der Anrichte, bereit für den nächsten Morgen, der noch nicht begonnen hat.

Ein einzelner Wassertropfen fällt in regelmäßigen Abständen aus dem Hahn, der eigentlich fest zugedreht war, ein leises Klopfen, das jetzt, ohne Spülmaschinenrauschen und ohne Radio, plötzlich deutlich hörbar wird. Morgen wird jemand daran denken, die Dichtung auszutauschen. Heute Abend gehört das Tropfen einfach zur Küche wie das Ticken der Uhr.

Auf dem Kühlschrank klebt ein Einkaufszettel mit halb durchgestrichenen Punkten, Milch, Brot, etwas, das sich nicht mehr entziffern lässt, weil der Kugelschreiber zu stark aufgedrückt wurde. Niemand ergänzt jetzt noch etwas darauf. Der Zettel wartet, wie die Küche selbst, auf den nächsten Tag, an dem er wieder gebraucht wird.

Ein einzelnes Geschirrtuch hängt über der Stuhllehne, noch feucht vom Abtrocknen der Pfanne, die als einziges Utensil nicht in die Spülmaschine durfte. Es wird über Nacht dort hängen bleiben und trocknen, ohne dass jemand daran denkt, es ordentlich aufzuhängen, eine kleine Unordnung, die um diese Uhrzeit niemanden mehr stört.

Wohnzimmer, kurz vor Mitternacht

Der Fernseher läuft noch, aber niemand schaut mehr wirklich hin. Der Ton ist auf eine Lautstärke gestellt, bei der sich Worte kaum noch von Musik unterscheiden lassen, ein gleichmäßiges Hintergrundgeräusch, das eher Gesellschaft leistet als informiert. Auf dem Sofa liegt eine Decke, halb heruntergerutscht, niemand zieht sie zurecht. Eine Fernbedienung liegt zwischen zwei Sitzkissen, seit einer Stunde nicht mehr berührt.

Auf dem Couchtisch steht eine leere Teetasse neben einer, die noch halb voll ist, längst kalt geworden. Ein Buch liegt aufgeschlagen, mit dem Rücken nach oben, an einer Stelle, an der vor einer Weile das Lesen aufgehört hat, ohne dass ein Lesezeichen zur Hand gewesen wäre. Die Seite wird sich morgen wiederfinden lassen, oder auch nicht, das ist in diesem Moment nicht wichtig.

Draußen fährt gelegentlich noch ein Auto vorbei, die Lichter wandern kurz über die Zimmerdecke, verschwinden wieder. Ein Handy vibriert einmal auf dem Tisch, eine Nachricht, die niemand jetzt noch beantworten möchte, morgen früh reicht dafür genauso gut. Die Absicht zu antworten bleibt bestehen, nur die Ausführung verschiebt sich, ohne dass das als Aufschieben empfunden würde.

Die Katze, die tagsüber kaum zu sehen war, liegt jetzt mitten auf dem Teppich, ausgestreckt, offenbar völlig entspannt in einer Haltung, die sie sich tagsüber nie erlauben würde, wenn ständig jemand durch den Raum läuft. Um diese Uhrzeit bewegt sich niemand mehr genug, um sie zu stören.

Ein Ventilator läuft in der Ecke auf niedrigster Stufe, mehr aus Gewohnheit als aus tatsächlichem Bedarf, da die Nachtluft längst kühler geworden ist. Sein leises Surren mischt sich mit dem gedämpften Fernsehton zu einem gleichförmigen Klangteppich, der erst auffällt, wenn beide Geräusche gleichzeitig verstummen.

Irgendwann steht jemand auf, schaltet den Fernseher aus, nicht weil das Programm zu Ende wäre, sondern weil das Aufstehen selbst irgendwann fälliger wirkt als das Sitzenbleiben. Die plötzliche Stille danach ist deutlicher als erwartet, das Ticken einer Wanduhr, das den ganzen Abend über vom Fernsehton überdeckt war, tritt jetzt klar hervor.

Das Licht im Flur bleibt noch eine Weile an, während im Wohnzimmer schon Dunkelheit herrscht. Jemand räumt die Teetassen nicht mehr weg, sie bleiben stehen, bis morgen früh, zusammen mit der Decke auf dem Sofa und dem aufgeschlagenen Buch. Nichts davon wirkt unordentlich. Es wirkt nur nach einem Abend, der zu Ende gegangen ist, ohne dass jemand ihn ausdrücklich beendet hätte.

Schlafzimmer, Fenster gekippt

Das Fenster steht nur einen Spalt offen, gerade breit genug, damit die kühlere Nachtluft langsam den Tageswärme aus dem Zimmer verdrängt. Ein Nachtfalter schlägt in unregelmäßigen Abständen gegen die Fensterscheibe von außen, angezogen vom schwachen Licht der Nachttischlampe, die noch nicht ausgeschaltet ist. Niemand steht auf, um ihn zu vertreiben, er wird von selbst wieder verschwinden.

Auf dem Nachttisch liegt ein Handy mit dem Bildschirm nach unten, bewusst so hingelegt, um das gelegentliche Aufleuchten nicht sehen zu müssen. Ein Glas Wasser steht daneben, für den Fall, dass später Durst kommt. Die Bettdecke ist nur zur Hälfte über den Körper gezogen, die Nächte sind noch zu warm, um vollständig darunter zu liegen.

Von draußen ist das entfernte Geräusch einer Bahn zu hören, die irgendwo am Rand der Stadt vorbeifährt, ein tiefes, langgezogenes Rauschen, das nach wenigen Sekunden wieder verklingt. Ein Hund schlägt einmal an, weit weg, vielleicht zwei Straßen weiter, dann ist wieder Ruhe, nur das gleichmäßige Atmen im selben Bett, das sich allmählich verlangsamt.

Auf dem Boden liegt achtlos die Kleidung von tagsüber, ein Hemd, eine Hose, über den Stuhl geworfen statt gefaltet, weil es zu diesem Zeitpunkt keinen Unterschied mehr macht, ob morgen früh alles ordentlich bereitliegt. Diese kleine Nachlässigkeit gehört zu den späten Stunden dazu wie das gekippte Fenster selbst.

Die Nachttischlampe wird schließlich ausgeschaltet, nicht weil es an der Zeit wäre, sondern weil die Augen von selbst schwerer geworden sind. Der Nachtfalter schlägt noch zweimal gegen die dunkle Scheibe, dann gibt er auf oder findet einen anderen Weg, jedenfalls bleibt es still. Das Zimmer liegt jetzt vollständig im Dunkeln, bis auf einen schmalen Streifen Straßenlicht, der durch den Vorhangspalt fällt und sich über die Zimmerdecke zieht, unbeweglich, bis am nächsten Morgen ein anderes Licht ihn ersetzt.

Was von diesen Abenden bleibt

Die Terrasse, der Balkon, die Küche, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer mit dem gekippten Fenster, fünf Orte an fünf verschiedenen Abenden, die sich in einem Punkt gleichen: Niemand hat an ihnen etwas beendet. Das Geschirr blieb stehen, die Gießkanne blieb stehen, die Spülmaschine wurde nicht ausgeräumt, das Buch blieb aufgeschlagen liegen, der Nachtfalter durfte gegen die Scheibe schlagen, ohne vertrieben zu werden. Nichts davon war Nachlässigkeit. Es war eher die Abwesenheit eines Grundes, jetzt noch zu handeln, während der Tag ohnehin schon hinter einem lag.

Diese Abende hätten sich problemlos an jedem anderen Augusttag wiederholen können, mit anderen Personen, anderem Wetter im Detail, derselben Grundstimmung, und vermutlich mit einem sechsten oder siebten Ort dazu, der sich ebenso gut gefunden hätte. Ein Beitrag, der sich mit genau dieser Art von Entschleunigung beschäftigt, beschreibt, wie sich ein ganzer Alltag um dieses Prinzip herum gestalten lässt, ohne dass Langsamkeit zum Programm werden müsste: Slow Living, die Kunst der Entschleunigung.

Am nächsten Morgen sieht die Wohnung wieder anders aus. Das Geschirrtuch ist getrocknet, die Kleidung wird gefaltet, der Einkaufszettel ergänzt. Der Tag holt in aller Ruhe nach, was am Abend zuvor liegen blieb, ohne dass daraus je ein Vorwurf entstünde, weder an sich selbst noch an irgendjemand anderen im Haushalt, und schon am nächsten Abend beginnt sich dasselbe stille Nachlassen von Neuem einzustellen, sobald das Licht wieder flacher wird.

Was diese drei Abende gemeinsam haben, ist eine bestimmte Großzügigkeit gegenüber der eigenen Zeit. Niemand muss beweisen, dass der Tag gut genutzt wurde. Die liegen gebliebene Serviette, das ungegossene Tomatenbeet, das volle Wasserglas, all das sind keine Versäumnisse, sondern Zeichen dafür, dass in diesem Moment nichts dringender war als das Sitzenbleiben, das Stehenbleiben, das Hinausschauen, und dieselbe Großzügigkeit gilt auch für den Nachtfalter an der Scheibe, dem niemand seinen kleinen, sinnlosen Kampf gegen das Glas verwehrt.

Ein weiterer Gedanke zu dieser Art von ungeplanten, wertvollen Lücken im Tagesablauf findet sich in Das kleine Glück am Rand der Tage, wo beschrieben wird, wie gerade die Momente ohne Ereignis am längsten in Erinnerung bleiben, obwohl in ihnen scheinbar nichts geschah, seien es fünf Minuten auf einer Terrasse oder ein ganzer, ereignisloser Nachmittag.

Am nächsten Morgen wird die Serviette vom Terrassenboden aufgehoben, die Gießkanne endlich benutzt, das Geschirr aus der Spülmaschine geräumt. Der Tag holt nach, was am Abend zuvor liegen geblieben ist, ohne dass daran irgendetwas dramatisch wäre. Genau diese Selbstverständlichkeit, mit der ein Abend unerledigt bleiben darf, ohne dass daraus ein Problem würde, macht seine eigentliche Ruhe aus.

Ein Gedanke, der sich mit dem bewussten Nicht-Planen von Zeit beschäftigt, findet sich auch in Über das Vergnügen, nichts zu planen, dort mit Blick auf ganze freie Tage statt auf die letzten Stunden eines einzelnen Abends, aber mit derselben Grundhaltung: dass Zeit nicht immer ausgefüllt werden muss, um wertvoll zu sein, und dass gerade die ungenutzten Stunden oft am längsten nachwirken.

Vielleicht liegt der eigentliche Unterschied zwischen einem gewöhnlichen und einem gelungenen Augustabend genau darin: nicht in dem, was an ihm geschieht, sondern in dem, was an ihm liegen bleiben darf, ohne dass jemand sich dafür rechtfertigen müsste. Die Terrasse, der Balkon, die Küche tragen diese kleine Freiheit jeden Abend aufs Neue, ganz gleich, wer gerade an ihnen sitzt, steht oder vorbeigeht, und dasselbe gilt für das Wohnzimmer mit der halb heruntergerutschten Decke und für das Schlafzimmer mit dem gekippten Fenster, an dem sich schon der nächste Nachtfalter versuchen wird.

La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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