Weiter, leerer Straßenraum aus hellem Asphalt führt ohne Ziel auf einen ruhigen Horizont zu. Früher Abend, noch helles Licht ohne Dramaturgie. Sanfte Kontraste, klare Linien, niedrige Steinbegrenzungen,

Tage ohne Rand

Ombra Celeste Magazin


Der Tag trägt weiter, ohne zu enden. Weite bleibt, auch wenn nichts geschieht.


Der Garten nach acht

Der Rasensprenger im Nachbargarten läuft noch, obwohl die Sonne längst hinter der Hecke verschwunden ist, ein gleichmäßiges Zischen, das im Viertelsekundentakt aussetzt und wieder einsetzt. Auf dem Steintisch steht eine halb geleerte Gießkanne, das Wasser darin schon lauwarm vom Nachmittag. Niemand hat vorgehabt, um diese Zeit noch draußen zu sitzen, und doch sitzt hier jemand, die Ellbogen auf die Tischplatte gestützt, ein Glas Wein, das nicht angerührt wird, weil das Reden wichtiger ist als das Trinken.

Der Himmel hat noch Farbe, ein müdes Orange, das sich nicht entscheidet, ob es schon Dämmerung ist oder noch Abend. Aus zwei Gärten weiter kommt Musik, leise genug, um nur die Bassfrequenz zu übertragen, ein dumpfes Pochen ohne erkennbare Melodie. Eine Fledermaus zieht knapp über die Hecke, verschwindet, kommt eine Minute später wieder.

Ein Abend, der nicht endet, muss auch nicht beginnen.

Niemand am Tisch schaut auf die Uhr. Nicht aus Prinzip, sondern weil es an diesem Punkt des Julitages keinen Grund dafür gibt. Das Gespräch ist vor einer Stunde bei etwas Belanglosem gestartet und irgendwo unterwegs zu etwas geworden, das eigentlich wichtig wäre, ohne dass jemand den Übergang bemerkt hätte. Ein Kind ruft von drinnen, dass es müde sei, bekommt keine Antwort und legt sich offenbar von selbst hin, das Licht im oberen Fenster erlischt kurz darauf.

Die Mücken kommen erst jetzt, nicht in Schwärmen, aber beständig genug, dass irgendwann eine Kerze angezündet wird, mehr aus Gewohnheit als aus echtem Bedarf. Der Docht braucht zwei Streichhölzer, das erste erlischt im Windzug, den niemand sonst bemerkt hat. Die Flamme steht dann aber ruhig, kein Flackern, die Luft ist zu still dafür.

Eine Katze aus der Nachbarschaft, niemand weiß genau, wem sie gehört, überquert in aller Ruhe den Rasen, bleibt kurz stehen, um an einem umgeknickten Grashalm zu schnuppern, und verschwindet dann unter der Hecke, ohne dass irgendjemand am Tisch das für erwähnenswert hält. Das Weinglas wird schließlich doch angerührt, ein einziger Schluck, mehr aus Höflichkeit dem eigenen Vorsatz gegenüber als aus Durst.

Irgendwann, ohne dass es jemand ansagt, wird das Gespräch leiser, die Pausen dazwischen länger. Niemand steht auf, um zu gehen. Es gibt keinen Punkt, an dem der Abend offiziell endet, er verliert nur langsam an Substanz, wie ein Feuer, das nicht gelöscht, sondern einfach nicht mehr genährt wird. Die Gießkanne bleibt stehen, wo sie steht. Morgen wird jemand sie wegräumen, oder auch nicht.

Was diesen Julitagen fehlt, ist nicht Inhalt. Es ist die Notwendigkeit eines Randes. Der Sprenger im Nachbargarten läuft noch, als längst niemand mehr am Tisch sitzt, ein Geräusch, das keine Uhrzeit kennt und keine verlangt.

Der Deich, kurz vor Flut

Ich gehe an solchen Abenden manchmal die letzten zweihundert Meter zum Deich, dort, wo Schleswig-Holstein flach genug ist, dass der Horizont nicht durch ein einziges Gebäude unterbrochen wird. Der Wind kommt von der Elbe her, beständig, nicht stark, gerade genug, um das Gras auf der Deichkrone in eine einzige Richtung zu drücken. Ein Frachter zieht in der Ferne stromaufwärts, so langsam, dass er in den zehn Minuten, die ich hier stehe, kaum ein Stück vorankommt.

Die Deichschafe haben sich in einer lockeren Gruppe am Fuß der Böschung versammelt, keines von ihnen bewegt sich, bis eines plötzlich, ohne erkennbaren Anlass, ein paar Schritte macht und die anderen träge folgen. Ein Radfahrer kommt vorbei, grüßt kurz, ist schon wieder verschwunden, bevor die Antwort formuliert ist.

Der Fluss kennt keine Uhrzeit, nur einen Stand.

Das Wasser der Elbe steht schon merklich höher als vor einer Stunde, die Flut kommt, wie sie immer kommt, ohne Eile, ohne dass irgendetwas dagegen spräche, noch eine Weile hier zu bleiben. Ein Fischer packt sein Zeug am Ufer zusammen, nicht weil der Abend endet, sondern weil die Bisse ausbleiben, ein pragmatischer Grund, kein symbolischer.

Ein Austernfischer läuft in kurzen, ruckartigen Schritten am Wasserrand entlang, den charakteristischen orangeroten Schnabel tief in den nassen Schlick gesenkt, bis er plötzlich auffliegt, mit jenem durchdringenden, fast schrillen Ruf, der weiter über das flache Land trägt als jedes andere Geräusch hier. Das Wasser hat inzwischen eine matte, fast metallische Farbe angenommen, die es nur in den Minuten kurz vor dem eigentlichen Sonnenuntergang hat, weder blau noch grau, sondern etwas dazwischen, für das es keinen eigenen Namen gibt.

Die Luft riecht nach Schlick und nach dem trockenen Gras, das den ganzen Tag in der Sonne lag. Möwen stehen fast bewegungslos im Aufwind über der Deichkante, ihre Flügel kaum merklich justiert. Weiter draußen verändert das Licht die Wasserfläche von Minute zu Minute, ohne dass ein einzelner Moment sich als der entscheidende herausstellen würde.

Ich bleibe länger stehen, als ich vorhatte, nicht aus einem bestimmten Grund, sondern weil sich kein Grund findet, zu gehen. Der Frachter ist inzwischen fast hinter der Flussbiegung verschwunden. Die Schafe haben sich wieder hingelegt. Nichts davon verlangt, dass ich einen Schlusspunkt setze, bevor ich den Rückweg antrete. Ein zweiter Radfahrer kommt vorbei, diesmal ohne Gruß, vertieft in ein Gespräch über Kopfhörer, das ihn offenbar mehr beschäftigt als der Weg, den er fährt.

Nach Feierabend, Höhe Bäckerei

Der Asphalt vor der Bäckerei an der Ecke gibt noch die Hitze des Nachmittags ab, spürbar an den Fußsohlen durch die dünnen Sommerschuhe. Die Bäckerei selbst hat längst geschlossen, aber jemand hat vergessen, die Markise einzufahren, und im Schatten darunter sitzen zwei Nachbarn auf mitgebrachten Klappstühlen, ein Schachbrett zwischen sich, das seit einer Viertelstunde nicht mehr bewegt wurde.

"Du bist dran", sagt der eine schließlich, ohne Nachdruck. "Ich weiß", antwortet der andere, rührt sich aber nicht. Beide schauen eher der Straße zu als dem Brett, einem Jungen, der auf einem zu großen Fahrrad im Zickzack die leere Fahrbahn entlangfährt, einer Frau, die ihre Einkaufstüten von einer Hand in die andere wechselt, weil die eine Schulter müde geworden ist.

Ein Zug, der nicht gemacht wird, ist auch kein verlorener.

Aus einem offenen Fenster im ersten Stock dringt das Klappern von Geschirr, jemand deckt spät den Tisch oder räumt ihn spät ab, das lässt sich von unten nicht unterscheiden. Ein Hund bellt zweimal, kurz, ohne ersichtlichen Grund, und ist dann wieder still. Die Straßenlaterne an der Ecke springt an, obwohl es noch nicht wirklich dunkel ist, ein technischer Reflex, kein Zeichen.

Ein älterer Mann mit Einkaufsnetz bleibt kurz vor dem Schaufenster der Bäckerei stehen, schaut auf die leeren Auslagen, obwohl er genau weiß, dass um diese Uhrzeit nichts mehr da ist, und geht dann weiter, offenbar aus reiner Gewohnheit stehengeblieben, nicht aus Hoffnung. Von der gegenüberliegenden Straßenseite tönt kurz ein Klingelton, wird nach dem zweiten Läuten angenommen, das Gespräch bleibt zu leise, um Worte zu unterscheiden.

Der Junge auf dem Fahrrad dreht eine weitere Runde, diesmal langsamer, offensichtlich ohne Ziel außer der Bewegung selbst. Die beiden Schachspieler haben inzwischen angefangen, über etwas völlig anderes zu reden, eine Nachbarschaftsangelegenheit, ein Dach, das repariert werden müsste. Das Brett bleibt unverändert stehen zwischen ihnen, als warte es geduldiger als sie selbst.

Irgendwann steht einer der beiden auf, nicht weil das Spiel zu Ende wäre, sondern weil seine Frau vom Fenster aus ruft. Der andere bleibt sitzen, schaut noch eine Weile der leeren Straße zu, und faltet dann langsam den Klappstuhl zusammen, ohne dass sich an der Lage irgendetwas geändert hätte, das diesen Moment vom vorherigen unterscheidet.

Balkon, zehnter Stock

Von einem Balkon im zehnten Stock aus verlieren einzelne Geräusche der Stadt ihre Herkunft. Ein Martinshorn irgendwo im Süden, das Quietschen einer Straßenbahn, die man von hier aus nicht sehen kann, vereinzeltes Hundegebell aus mehreren Gärten gleichzeitig, alles vermischt sich zu etwas, das man eher als Zustand der Stadt beschreiben würde denn als einzelne Ereignisse.

Die Topfpflanzen auf dem Balkon brauchen eigentlich Wasser, das sieht man an den leicht hängenden Blättern der Tomatenstaude, aber die Gießkanne bleibt im Flur stehen, weil das Licht gerade zu schön ist, um jetzt hineinzugehen. Ein Nachbar, zwei Etagen tiefer, raucht auf seinem eigenen Balkon, der Rauch zieht in einer schrägen Linie nach oben, sichtbar für ein paar Sekunden, bevor der Wind ihn auflöst.

Was von oben gesehen wird, verliert seine Eile.

Die Fenster der gegenüberliegenden Häuserreihe leuchten unregelmäßig auf, hier eine Küche, dort ein Kinderzimmer, eines nach dem anderen, ohne erkennbares Muster. Ein Flugzeug zieht hoch oben eine Kondensspur, die sich langsamer auflöst, als das Flugzeug selbst braucht, um aus dem Blickfeld zu verschwinden.

Auf dem Nachbarbalkon links wird ein Radio leiser gedreht, nicht ausgeschaltet, nur auf eine Lautstärke reduziert, bei der sich Wortfetzen einer Nachrichtensendung gerade noch erahnen lassen, ohne verständlich zu sein. Eine einzelne Fledermaus jagt in engen, ruckartigen Kurven zwischen den Balkonen der oberen Stockwerke, folgt einer Route, die sie offenbar jeden Abend um diese Zeit fliegt.

Ein Kühlschrankkompressor irgendwo im Haus springt an, ein tiefes Brummen, das durch die offene Balkontür bis nach draußen dringt und nach einer Minute wieder verstummt, so beiläufig, dass es kaum als eigenes Geräusch wahrgenommen wird, eher als kurze Verdichtung der ohnehin vorhandenen Stille. Am Himmel wird der erste Stern sichtbar, oder was dafürgehalten wird, tatsächlich vermutlich ein Flugzeug im stetigen Sinkflug auf den nahen Flughafen zu.

Auf der Straße unten hält ein Fahrrad an, jemand steigt ab, schiebt es die letzten Meter bis zum Hauseingang, verschwindet. Wenige Minuten später geht in einem der Fenster im dritten Stock Licht an. Ob es dieselbe Person ist, lässt sich von hier aus nicht sagen, aber die Vermutung liegt nahe, und diese kleine, unbestätigte Verbindung genügt, um für einen Moment Aufmerksamkeit zu binden.

Die Tomatenstaude wird an diesem Abend nicht mehr gegossen. Das Licht verändert sich langsam, ohne dass ein bestimmter Moment als Wendepunkt markiert werden könnte, und irgendwann ist es einfach dunkler geworden, ohne dass jemand hätte sagen können, wann genau der Übergang stattfand.

Der Badesee, kurz vor Schließung

Am Badesee außerhalb der Stadt hat der Bademeister das Schild mit den Öffnungszeiten längst nicht mehr im Blick, obwohl die offizielle Schließzeit vor einer halben Stunde war. Ein paar Handtücher liegen noch auf der Wiese, ihre Besitzer im Wasser, das jetzt, kurz vor der Dämmerung, eine samtige Ruhe angenommen hat, kaum eine Welle, nur das gelegentliche Kreisen, das ein einzelner Schwimmer hinterlässt.

Die Grillstellen am Rand der Liegewiese qualmen noch nach, auch wenn niemand mehr davorsteht, ein Geruch nach verglühter Kohle, der sich mit dem nach nassem Gras mischt. Zwei Jugendliche werfen sich einen Frisbee zu, mit immer größeren, ungenaueren Würfen, weil das Licht zum genauen Zielen kaum noch ausreicht, und keiner von beiden macht Anstalten, das Spiel deswegen zu beenden.

Ein See, der sich nicht leert, muss auch nicht geschlossen werden.

Am gegenüberliegenden Ufer, kaum noch als Silhouette zu erkennen, sitzt jemand allein auf einem umgedrehten Kanu, die Füße im Wasser, ohne dass eine Absicht dahinter erkennbar wäre, weiterzupaddeln oder das Kanu zurückzubringen. Eine Mutter ruft zweimal den Namen ihres Kindes, beim dritten Mal taucht ein nasser Kopf zwischen den Schwimmern auf, winkt kurz, verschwindet wieder unter Wasser.

Die Libellen, die tagsüber in großer Zahl über dem Schilf gestanden haben, sind fast vollständig verschwunden, nur noch vereinzelt zieht eine ihre Bahn knapp über der Wasseroberfläche. Der Steg, von dem tagsüber ununterbrochen gesprungen wurde, ist jetzt leer, das Holz gibt beim leisesten Windstoß ein trockenes Knarren von sich, ohne dass irgendjemand daraufsteht.

Am Kiosk neben dem Eingang wird das Eiskühlfach bereits mit einem Vorhängeschloss gesichert, obwohl noch zwei, drei Gäste in der Schlange stehen, die der Verkäufer trotzdem noch bedient, mit der Begründung, das Schloss lasse sich ja notfalls noch einmal öffnen. Ein vergessener Wasserball treibt in der Mitte des Sees, ohne dass sich noch jemand die Mühe machen würde, ihn zurückzuholen, bis er vermutlich über Nacht selbst ans Ufer treibt.

Der Bademeister packt schließlich doch seine Sachen zusammen, mehr aus dienstlicher Pflicht als aus echtem Bedürfnis, die Leute aus dem Wasser zu holen. Er ruft nicht, er wartet einfach, mit einer Gelassenheit, die selbst noch zu diesem verlängerten Feierabend gehört. Die letzten Schwimmer kommen irgendwann von selbst heraus, nicht weil jemand sie dazu aufgefordert hätte, sondern weil ihnen langsam kühl wird.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz tropft das Wasser von den Haaren noch auf die Schultern, ein angenehmer Rest von Kühle in einer Luft, die selbst jetzt noch warm genug ist, um kein Handtuch überzuziehen. Der Kies knirscht unter den nassen Sandalen, ein Geräusch, das den ganzen restlichen Abend über irgendwie in Erinnerung bleibt, ohne dass es dafür einen bestimmten Grund gäbe.

Biergarten, letzte Bestellung

Zwischen den Kastanien im Biergarten hängen die ersten Lichterketten schon an, obwohl es noch nicht wirklich dunkel genug dafür ist, ein schwaches Gelb, das gegen den verbleibenden Abendhimmel kaum ankommt. Der Kellner geht ein letztes Mal zwischen den Tischen umher, fragt nicht mehr aktiv nach Bestellungen, sondern wartet, bis jemand ihn von sich aus anspricht, die Karte längst unter dem Arm eingerollt statt ausgeteilt.

An einem der langen Tische liegen noch drei leere Radlergläser nebeneinander, die Ringe darauf schon halb eingetrocknet, während die eigentlichen Gäste inzwischen zu einem Tischfußballkasten am Rand der Terrasse gewandert sind, dessen Stangen bei jedem Tor mit einem hellen, metallischen Klacken gegen die Bande schlagen. Niemand zählt die Tore laut mit, das Spiel läuft eher nebenbei, während das eigentliche Gespräch längst wieder woanders ist.

Eine letzte Bestellung ist kein Ende, nur eine Verabredung mit dem Aufbruch.

Die Kastanien werfen inzwischen kaum noch Schatten, das Licht ist dafür schon zu flach geworden, aber ihre Blätter rascheln bei jedem Windstoß hörbar über den Gesprächen, ein trockenes Geräusch, das den ganzen Nachmittag über von der Geräuschkulisse verschluckt wurde und jetzt, in der Stille zwischen zwei Sätzen, plötzlich wieder da ist. Ein Kellner balanciert ein Tablett mit fünf Gläsern durch die enger werdenden Reihen freier Stühle, die andere Gäste schon zurückgelassen haben.

An einem Nebentisch löscht jemand die letzte Kerze im Windlicht mit den Fingern, ein kurzes Zischen, ein Hauch verbrannten Wachses, bevor die Person sich wieder ihrem Gespräch zuwendet, als wäre nichts geschehen. Zwei Kinder, offensichtlich längst über ihre eigentliche Schlafenszeit hinaus wach, jagen sich zwischen den Tischbeinen hindurch, bis eine müde Stimme sie zur Ordnung ruft, mit einer Autorität, der beide für etwa eine Minute tatsächlich folgen.

Am Ausschank stapeln sich bereits die ersten leeren Bierkästen, ein Kellner trägt zwei auf einmal zurück in die Küche, während vorne noch immer neue Gläser über den Tresen gereicht werden, an Gäste, die offenbar erst jetzt eingetroffen sind und den Feierabend gerade beginnen, während andere Tische längst zum Aufbruch ansetzen, zwei völlig verschiedene Tempi desselben Abends, die sich nicht zu stören scheinen.

Der Wirt beginnt, die ersten Sonnenschirme zusammenzuklappen, an Tischen, die schon leer sind, arbeitet sich systematisch, aber ohne Eile durch die Reihen, während an den besetzten Tischen weiterhin niemand Anstalten macht zu gehen. Ein einzelnes Fahrrad lehnt seit Stunden am Zaun, ohne dass sich jemand darum zu kümmern scheint, ob sein Besitzer es noch vor der Dunkelheit abholt.

Irgendwann steht die erste Gruppe tatsächlich auf, zählt Scheine auf einen kleinen Teller, verabschiedet sich mit Umarmungen, die länger dauern, als es die Kühle des Abends eigentlich nahelegen würde. Die restlichen Tische bleiben noch eine Weile besetzt, die Lichterketten inzwischen die einzige wirkliche Lichtquelle, unter der die letzten Gläser geleert werden, ohne dass irgendjemand danach fragt, wie spät es inzwischen geworden ist.

Was der Juli lässt

Der Garten, der Deich, die Bäckerei, der Balkon, der Badesee, der Biergarten, keiner dieser Orte hat an diesen Abenden etwas Besonderes verlangt. Niemand musste sich entscheiden, wann ein Gespräch endet, wann eine Flut ihren Höchststand erreicht, wann ein Schachzug fällig ist, wann ein Balkon zu kühl wird, um noch draußen zu bleiben, wann ein See tatsächlich geschlossen ist, wann eine letzte Bestellung wirklich die letzte war. Der Juli selbst drängt selten zu einer Entscheidung dieser Art.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied zu anderen Monaten, nicht in der Temperatur, nicht in der Tageslänge allein, sondern in der Abwesenheit eines Zwangs, etwas abzuschließen. Ein Gespräch im Garten muss nicht mit einem Ergebnis enden. Ein Schachspiel darf unentschieden auf dem Tisch stehen bleiben, bis jemand es am nächsten Tag zufällig wiederentdeckt. Ein Blick vom Balkon liefert kein Fazit, nur eine Ansammlung kleiner, unzusammenhängender Beobachtungen, die trotzdem irgendwie zusammengehören.

Ein Beitrag, der sich mit genau dieser Art von Entschleunigung beschäftigt, beschreibt, wie sich ein ganzer Alltag um dieses Prinzip herum gestalten lässt: Slow Living, die Kunst der Entschleunigung. Auch dort geht es weniger um Verzicht auf Tempo als um die Erlaubnis, ein Tempo gar nicht erst festzulegen.

Diese sechs Abende hätten sich problemlos an jedem anderen Julitag wiederholen können, mit anderen Personen, anderem Wetter im Detail, derselben Grundstimmung, und vermutlich mit einem siebten oder achten Ort dazu, der sich ebenso gut gefunden hätte, ohne dass der Text dadurch etwas verloren hätte. Nicht weil sie austauschbar wären, sondern weil keiner von ihnen auf ein Ereignis hin komponiert war. Sie sind einfach geschehen, in der Reihenfolge, in der sie geschehen sind, und haben sich dann, ohne besonderes Zutun, wieder aufgelöst.

Ein Gedanke, der eng verwandt ist mit dieser Beobachtung, findet sich auch in Über das Vergnügen, nichts zu planen, wo beschrieben wird, wie gerade ungeplante Lücken im Tag zu den Momenten werden, an die man sich später am ehesten erinnert, obwohl in ihnen scheinbar nichts geschah.

Am Deich wird die Flut inzwischen ihren Höchststand erreicht haben, ohne dass irgendjemand dort noch steht, um es zu bestätigen. Die Kerze im Garten ist vermutlich von selbst heruntergebrannt. Das Schachbrett wartet immer noch auf den nächsten Zug. Und auf dem Balkon im zehnten Stock hängt die Tomatenstaude noch ein bisschen mehr als am Vortag, was morgen früh wahrscheinlich jemandem auffallen wird, der dann, ohne viel darüber nachzudenken, die Gießkanne endlich aus dem Flur holt.

Ein weiterer Beitrag zu diesem Grundgefühl beschreibt kleine, oft übersehene Momente eines Tages, die genau diese Art von Wert besitzen: Das kleine Glück am Rand der Tage. Der Rand, von dem dort die Rede ist, hat mit den Abenden dieses Textes viel gemeinsam, er wird nicht gesucht, er stellt sich einfach ein, wenn genug Zeit gelassen wird, sei es an einem Deich, in einem Garten, an einem Badesee oder auf den letzten besetzten Stühlen eines Biergartens, kurz bevor auch dort das Licht endgültig ausgeht.

La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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