Zwischen den Stimmen

Zwischen den Stimmen

Ombra Celeste Magazin


Ein Moment der Stille kann mehr sagen als tausend Worte. Er ist wie ein sanfter Rückzug aus dem Lärm der Welt – eine Einladung, sich selbst wieder zu hören.


Zwischen den Stimmen

Es beginnt meist schon am Frühstückstisch: eine Nachricht auf dem Handy, eine Meinung im Radio, ein Kommentar unter einem Artikel, den man eigentlich nur überfliegen wollte. Bis zum Mittag hat man ein Dutzend fremde Stimmen gehört, gelesen, halb aufgenommen – ohne sich je bewusst dafür entschieden zu haben. Der Tag ist noch jung, und doch ist der Kopf schon voll mit Positionen, die nicht die eigenen sind.

Das Tückische daran ist nicht die Menge, sondern die Gewöhnung. Nach einer Weile fühlt sich dieses Rauschen nicht mehr fremd an, sondern normal – so, als wäre ständige Meinung von außen ein Grundzustand, kein Ausnahmefall. Wer morgens die Nachrichten-App öffnet, bevor die Augen richtig offen sind, trainiert sich unbemerkt darauf, den ersten klaren Gedanken des Tages jemand anderem zu überlassen.

Mit der Zeit wird aus dieser Gewöhnung eine leise Form von Bequemlichkeit. Es ist einfacher, einer bereits formulierten Meinung zuzustimmen, als selbst eine zu bilden. Man sammelt Bestätigung, wo man sie findet, und merkt kaum, wie sehr sich dadurch der eigene Radius verengt. Was am Ende bleibt, ist nicht Überzeugung, sondern Gewohnheit – ein Reflex, keine Haltung.

Zwischen so vielen Stimmen verliert man leicht die eigene, ohne es zu merken.

Selten wird dieser Zustand als Problem erlebt, weil er sich nicht wie Lärm anfühlt, sondern wie Anschluss. Man ist informiert, beteiligt, up to date. Und doch bleibt am Abend oft ein diffuses Gefühl von Erschöpfung zurück, das sich nicht klar zuordnen lässt – nicht körperliche Müdigkeit, sondern etwas, das eher nach zu vielen fremden Gedanken klingt als nach zu wenig Schlaf.

Diese Erschöpfung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein ziemlich genaues Signal. Sie zeigt an, dass der Kopf über den Tag hinweg fast ausschließlich reagiert hat – auf Nachrichten, auf Meinungen, auf das, was gerade lautstark verhandelt wurde – und kaum Gelegenheit hatte, selbst etwas zu formen. Ein Tag voller fremder Stimmen hinterlässt selten Klarheit. Er hinterlässt Fülle, die sich schwer wieder loswird.

Auffällig ist dabei, wie unterschiedlich Menschen auf dieselbe Menge an Stimmen reagieren. Manche scheinen davon regelrecht angetrieben zu werden, als wäre der ständige Austausch selbst schon die Erholung. Andere spüren nach ein paar Stunden eine Art Sättigung, die sich nicht durch weitere Information beheben lässt, sondern eher durch das Gegenteil: durch eine Pause, in der nichts hinzukommt. Keine dieser Reaktionen ist falsch. Aber wer zur zweiten Gruppe gehört und trotzdem versucht, sich wie die erste zu verhalten, gerät irgendwann an eine Grenze, die sich nicht mit noch mehr Disziplin verschieben lässt.

Diese Grenze zeigt sich selten dramatisch. Sie äußert sich eher in kleinen Dingen: in einer Gereiztheit, die keinen klaren Auslöser hat, in einer Unlust, noch eine weitere Nachricht zu lesen, obwohl sie harmlos wäre, in dem Wunsch, den Fernseher auszuschalten, obwohl gerade nichts Aufregendes läuft. Solche Momente werden oft übergangen, weil sie klein wirken. Und doch sind sie ziemlich präzise Hinweise darauf, dass gerade genug war – nicht zu viel im katastrophalen Sinn, aber genug, um eine Unterbrechung zu rechtfertigen.

Genau an diesem Punkt beginnt die Frage interessant zu werden, die sich sonst leicht überhört: nicht, wie man noch mehr Stimmen filtert oder sortiert, sondern wann man überhaupt aufhört, welche hinzuzufügen. Nicht als Verzicht auf Austausch, sondern als kurze, bewusste Unterbrechung – ein Moment, in dem nichts Neues hereinkommt und nichts Eigenes gesagt werden muss.

Interessant ist dabei, wie sehr sich die Definition von "informiert sein" in den letzten Jahren verschoben hat. Früher bedeutete es, ein paar verlässliche Quellen regelmäßig zu lesen. Heute bedeutet es oft, ständig erreichbar für alles zu sein, was gerade irgendwo diskutiert wird – unabhängig davon, ob es einen selbst betrifft oder nicht. Diese Verschiebung geschah so schleichend, dass sie kaum als Entscheidung wahrgenommen wurde. Sie hat sich einfach eingerichtet, wie ein Möbelstück, das irgendwann im Weg steht, ohne dass sich noch jemand erinnert, wer es dort hingestellt hat.

Was dabei verloren geht, ist nicht die Information selbst, sondern die Zeit dazwischen – jener Abschnitt, in dem ein Gedanke sich erst hätte setzen können, bevor der nächste kam. Ohne diesen Abschnitt entsteht kein Urteil, nur eine Abfolge von Reaktionen. Man antwortet auf etwas, bevor man verstanden hat, warum es einen überhaupt berührt. Und genau diese fehlende Zwischenzeit ist es, die sich am Ende des Tages als Erschöpfung zeigt, obwohl äußerlich nichts Anstrengendes passiert ist.

Kinder haben für dieses Phänomen noch ein feines Gespür, das sich im Erwachsenenleben meist verliert. Ein Kind, das gerade etwas Neues gelernt hat, will oft eine Weile allein damit sein, bevor es darüber spricht – nicht aus Scheu, sondern weil der Gedanke noch nicht fertig ist. Erwachsene überspringen diesen Schritt häufig. Kaum ist etwas geschehen, wird es schon geteilt, kommentiert, eingeordnet, bevor es überhaupt richtig verstanden wurde. Der Reflex, sofort zu reagieren, ist so tief eingeübt, dass er kaum noch als Reflex erkennbar ist – er fühlt sich wie die einzig mögliche Reaktion an, obwohl er nur eine von vielen ist.

Dabei geht es nicht darum, sich von der Welt abzuschneiden. Wer jede Nachricht ignoriert, jede Diskussion meidet, verliert etwas anderes: die Fähigkeit, sich überhaupt noch zu einer geteilten Wirklichkeit zu verhalten. Das Ziel ist nicht Rückzug, sondern ein anderes Verhältnis zur Menge – weniger reflexhaftes Aufnehmen, mehr bewusstes Auswählen. Der Unterschied zwischen beidem ist im Alltag oft kaum sichtbar, weil beides gleich aussieht: jemand, der ein Nachrichtenmedium öffnet. Der eigentliche Unterschied liegt in der Frage, die diesem Öffnen vorausgeht – ob man etwas wirklich wissen möchte, oder ob man nur eine Lücke füllt, die sich sonst wie Leere anfühlen würde.

Ein Fenster, ein Stuhl, kein Ton

Es gibt einen bestimmten Stuhl an einem Fenster, an dem ich abends manchmal sitze, ohne etwas anzustellen. Kein Radio, kein Bildschirm, kein Buch – nur das Fenster, durch das man auf einen Hinterhof blickt, in dem nichts Besonderes passiert. Ein Nachbar bringt den Müll raus. Eine Amsel hüpft über den Rasen. Ein Fenster geht ein Stockwerk höher auf und wieder zu. Nichts davon ist bemerkenswert, und genau das macht diese zehn Minuten so anders als alles andere am Tag.

In den ersten Minuten stellt sich fast automatisch die Frage ein, was man eigentlich tun sollte – eine Nachricht beantworten, etwas nachlesen, wenigstens Musik anstellen. Dieser Reflex ist erstaunlich hartnäckig; er meldet sich, obwohl objektiv nichts dringend wäre. Erst wenn man ihn ein paarmal übergeht, ohne ihm nachzugeben, wird der Raum tatsächlich leiser – nicht draußen, sondern im Kopf.

Ich erinnere mich an einen bestimmten Abend im Spätherbst, an dem der Hof draußen schon fast dunkel lag und nur ein einzelnes Fenster gegenüber noch Licht zeigte. Ich hatte mich hingesetzt, ohne eine bestimmte Absicht, mehr aus Erschöpfung als aus Vorsatz. Und ausgerechnet an diesem Abend, an dem ich am wenigsten damit gerechnet hätte, löste sich innerhalb weniger Minuten ein Gedanke, der mich seit Tagen beschäftigt hatte – nicht durch Nachdenken, sondern eher dadurch, dass ich aufgehört hatte, ihn wegzudrängen. Es war keine große Erkenntnis. Nur die Einsicht, dass eine Entscheidung, die ich seit Tagen vor mir hergeschoben hatte, im Grunde längst gefallen war.

Was dann passiert, ist selten spektakulär. Kein plötzlicher Einfall, keine erhellende Erkenntnis. Eher ein langsames Absinken von Dringlichkeit. Ein Gedanke, der tagsüber wie ein offener Punkt auf einer Liste stand, verliert seine Kanten. Eine Entscheidung, die kompliziert wirkte, zeigt sich plötzlich als eigentlich schon getroffen – man hatte sie nur noch nicht ausgesprochen.

In der Stille verschwindet nichts. Es bekommt nur wieder Platz.

Solche Momente lassen sich schlecht planen, aber gut vorbereiten. Es hilft, denselben Ort zu wählen, dieselbe ungefähre Uhrzeit, damit der Körper irgendwann von selbst weiß, worum es geht, sobald man sich hinsetzt. Nicht als starres Ritual, sondern als kleine Gewohnheit, die sich mit der Zeit von selbst trägt. Der Stuhl am Fenster ist dabei austauschbar – entscheidend ist nur, dass an diesem Ort für ein paar Minuten wirklich nichts erwartet wird, weder von außen noch von einem selbst.

Bemerkenswert ist, wie unterschiedlich sich zwei scheinbar identische Abende an diesem Fenster anfühlen können. An manchen Tagen dauert es kaum eine Minute, bis sich etwas löst. An anderen bleibt der Kopf hartnäckig laut, springt von einem Gedanken zum nächsten, ohne zur Ruhe zu kommen. Auch das gehört dazu – die Stille lässt sich nicht erzwingen, nur anbieten. Manchmal wird das Angebot angenommen, manchmal nicht, und beides ist kein Grund, damit aufzuhören.

Mit der Zeit verändert sich auch die Erwartung an diese Minuten. Am Anfang wartet man fast auf ein Ergebnis – einen klaren Gedanken, eine Lösung, irgendetwas, das den Verzicht auf Ablenkung rechtfertigt. Später verschwindet dieser Anspruch. Der Wert liegt dann nicht mehr darin, dass etwas passiert, sondern darin, dass für ein paar Minuten nichts passieren muss. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, verändert aber, wie sehr man sich auf diese Minuten überhaupt einlässt.

Es gibt Abende, an denen dieser Stuhl auch anders genutzt wird – nicht als Ort der Auflösung, sondern nur als Ort des Aushaltens. An solchen Abenden bleibt der Kopf voll, springt weiter, findet keine Ruhe, und trotzdem hat es sich gelohnt, dort gesessen zu haben. Nicht, weil sich etwas gelöst hätte, sondern weil wenigstens für zehn Minuten nichts Neues hinzugekommen ist. Manchmal ist das schon die ganze Leistung des Abends, und es ist völlig ausreichend, sie als solche anzuerkennen, statt sie als gescheiterten Versuch abzutun.

Was diesen Moment von reiner Entspannung unterscheidet, ist die fehlende Absicht, sich gut zu fühlen. Entspannungsübungen haben oft ein Ziel – ruhiger werden, besser schlafen, Stress abbauen. Der Stuhl am Fenster hat kein solches Ziel. Er ist einfach ein Ort, an dem für eine Weile nichts von einem verlangt wird, auch nicht die Erwartung, dass man dabei entspannter wird. Gerade dieser fehlende Anspruch macht es leichter, ihn tatsächlich aufzusuchen, auch an Abenden, an denen man sich zu erschöpft fühlt, um noch irgendetwas Konstruktives zu tun.

Manchmal gesellt sich noch jemand dazu, ohne dass ein Wort fällt. Ein zweiter Stuhl, etwas versetzt, dieselbe Richtung zum Fenster. Man muss sich in solchen Momenten nichts erklären, keine Pause im Gespräch rechtfertigen, weil ohnehin kein Gespräch erwartet wird. Diese Art von gemeinsamem Schweigen unterscheidet sich deutlich von einer Unterhaltung, die gerade ins Stocken geraten ist – dort entsteht Unbehagen, hier entsteht eher eine Art stille Übereinkunft, dass gerade nichts gesagt werden muss, damit die Zeit trotzdem geteilt wird.

Nicht jede Beziehung erlaubt ein solches Schweigen von Anfang an. Es braucht ein gewisses Vertrauen, um eine Pause nicht als Ablehnung oder Desinteresse zu lesen. Wo dieses Vertrauen besteht, wird das gemeinsame Nichtstun am Fenster fast zu einer eigenen Form von Nähe – nicht lauter oder intensiver als ein Gespräch, aber auf eine andere Weise verbindlich, weil niemand etwas beweisen oder unterhalten muss, und weil genau diese fehlende Erwartung es leichter macht, wirklich anwesend zu sein, statt nur höflich abzuwarten.

Was sich verschiebt, wenn nichts gesagt wird

Wer über längere Zeit solche Pausen einbaut, bemerkt irgendwann eine Verschiebung, die sich nicht auf den ersten Blick zeigt. Es beginnt meist damit, dass Gespräche anders geführt werden – nicht bewusst gesteuert, sondern von selbst. Man muss nicht mehr sofort auf jede Aussage reagieren. Eine kurze Pause vor einer Antwort fühlt sich nicht mehr wie eine Lücke an, die gefüllt werden müsste, sondern wie ein normaler Teil des Sprechens.

Auch das eigene Urteil verändert sich in seinem Tempo. Wo früher schnell eine Meinung parat war, weil man sie irgendwo aufgeschnappt und für die eigene gehalten hatte, entsteht jetzt öfter ein kurzes Zögern – nicht aus Unsicherheit, sondern aus der schlichten Erfahrung, dass eine zu schnelle Meinung selten die eigene ist. Dieses Zögern fühlt sich zunächst ungewohnt an, fast wie ein Mangel an Standpunkt. Mit der Zeit zeigt sich das Gegenteil: Was danach übrigbleibt, trägt weiter.

Auch am Esstisch macht sich das bemerkbar. Wo früher ein Gespräch schnell in gegenseitiges Zitieren von Artikeln kippte – wer hatte wo was gelesen, wer wusste es angeblich besser –, bleibt inzwischen öfter Raum für Sätze, die niemand vorher irgendwo gehört hat. Manchmal ist es nur eine kurze Beobachtung vom Tag, nichts, das eine Diskussion auslöst. Aber es fühlt sich anders an als ein weitergereichter Gedanke – es fühlt sich nach einem eigenen an, auch wenn er unspektakulär bleibt.

Der Körper reagiert auf diese Verschiebung, wenn auch unauffällig. Der Atem wird in solchen Pausen spürbar ruhiger, ohne dass man aktiv darauf achten müsste. Die Schultern sinken ein wenig. Man merkt es meist erst im Nachhinein, im Vergleich zu einem Abend, an dem diese Pause ausgefallen ist – dann fühlt sich der ganze Tag angespannter an, obwohl objektiv nichts anders verlaufen ist. Der einzige Unterschied war die fehlende Unterbrechung.

Ehrlichkeit ist selten laut. Sie zeigt sich meist erst, wenn der Lärm für einen Moment fehlt.

Diese Verschiebung lässt sich in Die Kunst des Bei-sich-Seins aus einer anderen Richtung beschrieben finden: als eine Haltung, die sich nicht durch große Gesten zeigt, sondern durch das leise Zulassen von Momenten, in denen nichts bewiesen werden muss. Genau darum geht es auch hier – nicht um Rückzug aus der Welt, sondern um eine kurze, regelmäßige Rückkehr zu sich selbst, bevor der nächste Tag wieder voller fremder Stimmen wird.

Nicht jede Meinung, die man loslässt, war falsch. Manche waren durchaus richtig – nur eben nicht wirklich eigene. Der Unterschied zeigt sich selten im Inhalt, sondern in der Festigkeit: Eine übernommene Position bröckelt schnell, sobald jemand widerspricht, weil sie nie wirklich verankert war. Eine selbst erarbeitete Meinung, und sei sie noch so bescheiden, hält auch dann stand, wenn Gegenwind kommt – nicht aus Sturheit, sondern weil sie tatsächlich durchdacht wurde, und nicht nur übernommen.

Bemerkenswert ist auch, wie sich das eigene Verhältnis zu Widerspruch verändert. Wo eine übernommene Meinung auf Kritik oft gereizt reagiert – weil sie im Grunde verteidigt, was man selbst gar nicht geprüft hat –, lässt sich eine selbst erarbeitete Position gelassener infrage stellen. Man muss nicht recht behalten, um sich sicher zu fühlen, weil die Sicherheit nicht aus dem Ergebnis kommt, sondern aus dem Weg dorthin. Diese Gelassenheit lässt sich schwer vortäuschen. Sie entsteht nur dort, wo tatsächlich einmal in Ruhe nachgedacht wurde, statt schnell zuzustimmen.

Auch das Zuhören selbst verändert sich mit der Zeit. Man beginnt, zwischen zwei Arten von Aussagen zu unterscheiden – solchen, die etwas Neues zu einem Thema beitragen, und solchen, die nur eine bereits gehörte Position mit anderen Worten wiederholen. Diese Unterscheidung war vorher kaum spürbar, weil beide Arten gleich schnell und gleich sicher vorgetragen wurden. Erst mit etwas mehr innerer Ruhe wird der Unterschied hörbar – nicht als Bewertung der anderen Person, sondern als leiser Hinweis darauf, wie viel eigenes Nachdenken tatsächlich dahintersteckt.

Diese neue Aufmerksamkeit richtet sich irgendwann auch nach innen. Man beginnt, die eigenen Sätze ähnlich zu prüfen wie die der anderen – nicht streng oder misstrauisch, sondern mit einer Art gelassener Neugier: Kommt dieser Gedanke gerade wirklich von mir, oder trage ich nur weiter, was ich heute Morgen irgendwo aufgeschnappt habe? Nicht jede Antwort auf diese Frage fällt eindeutig aus, und das muss sie auch nicht. Schon die Frage selbst verändert etwas, weil sie eine Wahlmöglichkeit sichtbar macht, die vorher gar nicht als solche wahrgenommen wurde.

Dieses Nachfragen wird mit der Zeit weniger anstrengend. Anfangs fühlt es sich fast wie eine zusätzliche Aufgabe an – als müsste man jeden eigenen Satz vor Gebrauch erst kontrollieren. Später verschwindet dieser Aufwand fast vollständig, weil sich eine Art Gespür einstellt, ähnlich dem Unterschied zwischen dem Geschmack von etwas frisch Gekochtem und etwas nur Aufgewärmtem. Man muss nicht mehr analysieren, um es zu bemerken. Es fällt einfach auf, meist an einer kleinen Unsicherheit im eigenen Tonfall, sobald ein Satz mehr wiederholt als gedacht ist.

Was bleibt, wenn das Rauschen aufhört

Manche Abende verlaufen anders. Der Stuhl am Fenster bleibt leer, weil ein Termin dazwischenkommt, ein Anruf, eine Verabredung. Das ist kein Drama – ein einzelner ausgefallener Moment stiller Zeit ändert wenig. Auffällig wird es erst über mehrere Tage hinweg: Der Kopf wird wieder etwas voller, das Zögern vor der schnellen Meinung verschwindet allmählich, und man merkt es meist erst, wenn jemand fragt, wie es einem eigentlich geht, und die erste Antwort seltsam automatisch klingt.

Das ist auch der Grund, warum sich so ein Moment schlecht als Leistung verstehen lässt, die man einmal erledigt und dann abhaken kann. Er funktioniert eher wie ein Fenster, das ab und zu geöffnet werden muss, damit die Luft im Raum nicht stehen bleibt. Nicht jeden Tag zwingend, aber oft genug, damit sich der Unterschied noch spüren lässt zwischen einem Kopf, der ständig auf Eingang gestellt ist, und einem, der gelegentlich auch einfach zu ist.

Ein Ritual daraus zu machen, hilft weniger wegen der Regelmäßigkeit selbst als wegen dem, was sie ermöglicht: dass man nicht jedes Mal neu entscheiden muss, ob dieser Moment jetzt gerade angebracht wäre. Der Stuhl steht am Fenster, die Uhrzeit ist ungefähr dieselbe, und genau diese Selbstverständlichkeit nimmt dem Vorhaben die Hürde, die es sonst hätte – die tägliche Abwägung, ob gerade Zeit dafür ist oder nicht.

Man muss nicht mitreden, um dazuzugehören. Manchmal reicht es, für einen Moment nicht zu antworten.

Diese Regelmäßigkeit lässt sich auch auf andere Momente des Tages übertragen, ohne dass es immer derselbe Stuhl am selben Fenster sein müsste. Manchmal genügt eine kurze Strecke zu Fuß ohne Kopfhörer, ein paar Minuten auf dem Balkon vor dem ersten Kaffee, eine Fahrt mit dem Auto, bei der das Radio bewusst ausbleibt. Entscheidend ist nicht der Ort, sondern die kleine, wiederkehrende Entscheidung, für diesen Abschnitt nichts hereinzulassen, das nicht ohnehin schon da ist.

Was am Ende bleibt, ist selten ein einzelner großer Gedanke. Eher eine Art Grundrauschen, das leiser geworden ist – ein Tag, der sich nicht mehr ausschließlich aus fremden Meinungen zusammensetzt, sondern zwischendurch auch aus etwas, das man selbst gedacht hat, ohne es irgendwo gelesen zu haben. Diese Unterscheidung lässt sich nicht immer sauber treffen, aber sie beginnt sich anzufühlen wie ein eigener Boden, auf dem man steht, statt wie ein Echo, das man wiederholt.

Ähnlich beschreibt es auch Der Raum hinter dem Raum: dass hinter dem, was ständig verhandelt und kommentiert wird, ein zweiter, stillerer Bereich liegt, der nicht verschwindet, sondern nur selten aufgesucht wird. Wer ihn regelmäßig betritt, verliert nichts von dem, was draußen passiert. Er gewinnt nur einen Ort dazu, an dem nicht ständig geantwortet werden muss.

Auch das Ritual selbst braucht dabei keine Feierlichkeit. Es ist kein Rückzug in eine besondere Praxis, sondern eher das Gegenteil: die Erlaubnis, an einem gewöhnlichen Abend nichts Besonderes zu tun. In Rituale, die sich selbst erschaffen, ohne unser Zutun klingt genau das an: dass die wirksamsten Gewohnheiten oft nicht die sind, die man sich mit großer Absicht vornimmt, sondern die, die sich über Zeit von selbst einschleichen, weil sie einem einfach guttun. Der Stuhl am Fenster war nie als Methode gedacht. Er ist einfach geblieben, weil das Rauschen danach für eine Weile leiser war.

Es gibt Wochen, in denen dieser Moment gar nicht stattfindet – nicht aus Widerstand, sondern weil das Leben andere Prioritäten setzt. Auch das gehört dazu, ohne dass daraus ein schlechtes Gewissen entstehen müsste. Ein Ritual, das nur unter perfekten Bedingungen funktioniert, ist kein Ritual, sondern eine zusätzliche Anforderung. Der eigentliche Wert zeigt sich darin, wie leicht man nach einer solchen Pause wieder zurückfindet – ohne von vorn beginnen zu müssen, ohne das Gefühl, etwas verpasst zu haben, das jetzt nachgeholt werden müsste.

Was am Ende bleibt, ist kein fertiges Ergebnis, sondern eine Verfügbarkeit: die Möglichkeit, sich jederzeit an diesen Ort zurückzuziehen, wenn der Tag zu voll geworden ist. Man muss ihn nicht jeden Abend nutzen, um zu wissen, dass er da ist. Allein dieses Wissen verändert schon, wie sich ein lauter Tag anfühlt – nicht als endloser Zustand, sondern als etwas, das an einer bestimmten Stelle unterbrochen werden kann, sobald man es zulässt.

Es lohnt sich, diesen Gedanken von der abendlichen Stille zu lösen und ihn weiterzudenken: Auch mitten am Tag, zwischen zwei Terminen, in einer Warteschlange, auf dem Weg zum Auto, lässt sich eine ähnliche kleine Lücke einbauen, ohne dass es dafür einen Stuhl oder ein Fenster bräuchte. Entscheidend ist nicht die äußere Kulisse, sondern die innere Erlaubnis, für ein paar Atemzüge nichts hinzuzufügen – kein Blick aufs Telefon, kein Griff nach dem nächstbesten Ablenker. Wer diese kleinen Lücken über den Tag verteilt zulässt, braucht am Abend manchmal gar nicht mehr so viel Stille, weil sie bereits an mehreren Stellen stattgefunden hat, ohne dass es wie ein eigener Termin gewirkt hätte.

La fiamma che ti abbraccia – Die Flamme, die dich umarmt.

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